Dieser Eichenspinner (Lasiocampa quercus) ist noch munter, doch einige seiner englischen Artgenossen hatten weniger Glück. Sie wurden vom "Zombie-Virus" befallen. | © Dean Morley [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
Dieser Eichenspinner (Lasiocampa quercus) ist noch munter, doch einige seiner englischen Artgenossen hatten weniger Glück. Sie wurden vom "Zombie-Virus" befallen. | © Dean Morley [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Ein unschöner Anblick: platzende „Zombie-Raupen“ in England

  • Mélanie Guillebeau
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In England wurden mehrere „Zombie-Raupen“ beobachtet: Sie erklimmen die höchsten Orte, nur um dort zu sterben und ihre flüssigen Überreste in einer kleinen „Explosion“ in die Umwelt zu entlassen. Die Ursache für dieses grausame Spektakel sind Baculoviren.

In den idyllischen West Pennine Moors – ein erst kürzlich erschlossenes Naturschutzgebiet im Nordwesten Englands – ist der „Zombie-Virus“ ausgebrochen. Verfallen sind ihm die Raupen des Eichenspinners (Lasiocampa quercus), die im Zuge der Infektion entgegen ihrem natürlichen Instinkt den Weg an die Spitze der Pflanzen und in Richtung Sonnenlicht bestreiten. Die ersten „Zombie-Raupen“, oder besser gesagt ihre hängenden Überreste, wurden von Dr. Miller gesichtet, dem Manager für Moorlandschaften bei der gemeinnützigen Organisation Wildlife Trust.

© Dr Chris Miller / The Wildlife Trust
Diese leere Raupenhülle wurde im Naturschutzgebiet West Pennine Moors in England gefunden. Die Raupe wurde im Vorfeld von Baculoviren befallen. | © Dr Chris Miller / The Wildlife Trust

Baculoviren rufen „Zombieverhalten“ hervor

Die Auslöser der „Zombiekrankheit“ sind Vertreter der Familie der Baculoviren, die von der Schmetterlingsraupe beim Verzehr infizierter Pflanzen aufgenommen werden. Einmal vom Virus angesteckt, steigt der Appetit der Raupe auf das befallene Grünfutter weiter. Gleichzeitig vermehren sich die bereits vorhandenen Viren in der Raupe munter weiter.

Das eigentliche „Zombieverhalten“ tritt erst in einer späteren Phase auf, während der die Viren das Verhaltensprogramm der Raupen umschreiben: Die Raupen wandern – gesteuert vom Virus – an die Pflanzenspitzen, obschon sie das Sonnenlicht natürlicherweise meiden. Die exponierten „Zombie-Raupen“ sind ein gefundenes Fressen für Vögel, die mit ihrem infizierten Raupenmahl den Virus über weite Distanzen verbreiten.

Und so sieht es aus, wenn sich die Baculoviren ihren Weg in die Freiheit bahnen: Was übrig bleibt, sind die halbflüssigen Überreste einer zerplatzten Eichenspinner-Raupe.
Und so sieht es aus, wenn sich die Baculoviren ihren Weg in die Freiheit bahnen: Was übrig bleibt, sind die halbflüssigen, verdauten Überreste einer zerplatzten Raupe. | © David Nance / USDA Agricultural Research Service / Bugwood.org

An der Spitze der Pflanze angekommen, sterben die Raupen. Und dann wird es unter Umständen erst richtig ekelerregend: Die Raupen platzen und die Baculoviren werden in die Freiheit entlassen, wo sie weitere Organismen mit dem „Zombie-Virus“ anstecken können.

„Es ist wie in einem Zombie-Horrorfilm“, beschreibt Dr. Chris Miller, den Fund der Raupenüberreste.

600 Arten werden von Baculoviren befallen

Die Raupen des Eichenspinners sind bei Weitem nicht die einzigen Opfer der grausamen Baculoviren. Bisher sind über 600 Arten bekannt, die für Baculoviren empfänglich sind. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Schmetterlingsraupen, doch auch Pflanzenwespen, Mottenlarven und Moskitos können vom „Zombie-Virus“ einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Die induzierten Verhaltens- und Krankheitsmuster laufen in der Regel bei allen Wirtsarten nach dem bereits beschriebenen Schema ab: Infizierte Tiere wandern gezwungenermassen an die Spitze von Pflanzen, wo sich ihr Innerstes nach dem Tod verflüssigt. So ist zwar der Ablauf der Verhaltensänderung bekannt, doch wie der Baculovirus schlussendlich den Wirt zu manipulieren vermag, ist Teil laufender Forschungsarbeiten.

Die Anfälligkeit von Organismen auf Baculoviren kann auch zum Vorteil genutzt werden: In Kanada wurden zum Beispiel Larven von Pflanzenwespen gezielt infiziiert. Diese richten dort nämlich grossen Schaden bei Beständen von Balsam-Tannen an. | © gbohne [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
Die Anfälligkeit von Organismen auf Baculoviren kann auch zum Vorteil genutzt werden: In Kanada wurden zum Beispiel Larven von Pflanzenwespen gezielt infiziert. Diese richten dort nämlich grossen Schaden bei Beständen von Balsam-Tannen an. | © gbohne [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

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