By Hans-Petter Fjeld (Own work) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons
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Dutzende gerissene Schafe im Wallis: Gruppe Wolf Schweiz nimmt Stellung

  • Redaktion Naturschutz
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In der Walliser Südtälern zwischen Visp und Sierre haben sich in den letzten Wochen zahlreiche Angriffe von Wölfen auf ungeschützte Schafherden ereignet. Mindestens ein Angriff fand auch tagsüber statt. Die Rissserie kam nicht überraschend, ist doch die Wolfspräsenz insbesondere im Gebiet Augstbord-Turtmanntal bereits länger bekannt. Die Sömmerung von ungeschützten Schafen in diesem Gebiet muss deshalb als grob fahrlässig bezeichnet werden. Hoffnungsschimmer und zugleich Vorbild sind die behirteten und geschützten Alpen.

Unsere Partnerorganisation Gruppe Wolf Schweiz (GWS) nimmt Stellung zur Serie von Wolfsrissen im Kanton Wallis:

Zwischen dem Val d’Hérèns und dem Vispertal wurden in den vergangenen Wochen mehrere Dutzend Schafe gerissen. Wie viele Wölfe für die Angriffe verantwortlich waren, ist nicht bekannt. Alle gerissenen Schafe waren ungeschützt. Im Val d’Hérèns und im Val d’Anniviers wurden zwar bereits in früheren Jahren Wölfe nachgewiesen, aber eine aktuelle Präsenz vor Sömmerungsbeginn war nicht bekannt. Im Gebiet Augstbord-Turtmanntal hingegen war die Wolfspräsenz allen Schäfern bewusst. Vertreter der GWS haben in den vergangenen Wochen alle Schafalpen im Gebiet besucht, um sich ein Bild von der gegenwärtigen Situation zu machen.

Angriff bei Tag: Ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend 
Vorgestern Dienstag griff im Augsttälli, einem Seitental des Turtmanntales, ein Wolf offenbar im Verlaufe des Morgens bei Tageslicht eine kleine Gruppe Schwarznasenschafe an. Der Besitzer führte die Herde seit den ersten Angriffen von letzter Woche zur Sicherheit jede Nacht in einen Stall und morgens wieder auf die Weide. Diese Massnahme hat sich nun als unzureichend erwiesen. Dass ein Wolf tagsüber aktiv ist und Schafe angreift, ist zwar durchaus ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend. Zum Zeitpunkt des Angriffes waren keine Menschen vor Ort und das Augsttälli liegt fernab der Touristenrouten im Turtmanntal. Der Wander- und Mountainbikeweg liegt mehrere hundert Höhenmeter unterhalb des Ortes des Angriffes und ist von dort nicht wahrnehmbar. Im Augsttälli selbst gibt es gar keine Wege. Es ist trotz räumlicher Nähe zu Touristenrouten als ausgesprochen ruhig und abgeschieden zu betrachten. In solchen ungestörten Gebieten sind Wölfe auch am Tag aktiv. Auf fehlende Scheu gegenüber Menschen deutet dieses Verhalten nicht hin. Dem Wolf, der im Augsttälli vermutlich seinen Tageseinstand hatte, wurden die Schafe quasi zum Frühstück serviert.

Situation der Schafalpen im Gebiet Augstbord-Turtmanntal
Von ehemals sieben Schafalpen im Gebiet Augstbord-Turtmanntal werden aktuell noch zwei genutzt. Im hinteren Turtmanntal wird eine Schafherde unter ständiger Behirtung geführt und mit zwei Herdenschutzhunden geschützt. Dieser Schutz hat sich gut bewährt, so dass die zuletzt angegriffene ungeschützte Schafherde nun in diese Herde integriert wird. Das ist zu begrüssen. Unverständlich ist jedoch, dass dies nicht bereits zu Beginn der Sömmerung stattgefunden hat. Alle Schäfer wussten um die Wolfspräsenz und es ist als grob fahrlässig zu bezeichnen, dass nach den wiederholten Schäden in den letzten Jahren trotzdem noch versucht wurde, im Meid- und Augsttälli sowie im Ginals Schafe ungeschützt im freien Weidegang zu sömmern. Damit wurden die Risse bewusst in Kauf genommen.

Im Gebiet Moosalp, auf den Schafalpen der Gemeinden Törbel und Bürchen, wurden diesen Sommer zwei Herden zusammengelegt und werden erstmalig ständig behirtet. Diese Neuerung ist sehr zu begrüssen. Die GWS anerkennt die Bemühungen der Schäfer, die bisherige Sömmerung zu überdenken. Es muss jedoch festgehalten werden, dass auf dieser Alp keinerlei Herdenschutzmassnahmen getroffen wurden. Die Behirtung durch eine Hirtin mit einem Hütehund bietet keinen ausreichenden Schutz vor Angriffen. Die Herde wird mit Zäunen geführt, die nicht den Anforderungen an Schutzzäunen entsprechend. Es handelt sich um mobile Zäune mit drei elektrifizierten Litzen. Solche Zäune können von allen Wildtieren und gelegentlich sogar von Schafen problemlos überwunden werden und gelten deshalb nach den Empfehlungen der Herdenschutzfachstelle nicht als wolfssicher. Im Bereich der ersten Koppel, wo vergangene Woche zwei Schafe vermutlich von einem Wolf gerissen wurden, umschloss der Zaun zudem nicht das ganze Weidegebiet, sondern war nach unten offen. Die Integration von natürlichen Grenzen (im vorliegenden Fall Wald) mag aus weidetechnischen Gründen sinnvoll sein, hält einen Wolf jedoch nicht ab. Weitergehende Schutzmassnahmen wie Herdenschutzhunde, andere Schutztiere (Esel, Lamas) oder elektrifizierte Nachtpferche wurden nicht ergriffen, obwohl die Voraussetzungen dafür durch die Präsenz einer Hirtin mit Hütehund bestens wären. So begrüssenswert die mutigen Schritte der Schäfer hin zu einer ständigen Behirtung auch sind, muss dennoch festgehalten werden, dass die ergriffenen Massnahmen langfristig keinen angemessenen Schutz vor Wolfsangriffen bieten. Sie bieten aber eine günstige Voraussetzung für tatsächliche Schutzmassnahmen.

Ausblick
Die GWS hofft, dass zumindest im Gebiet Augstbord und Turtmanntal die Rissserie nun vorbei ist. Frei weidende Schafe befinden sich nun keine mehr im Gebiet. Sollte der Wolf sein Streifgebiet in Richtung Moosalp verlagern, sollten auf der dortigen Schafalp umgehend die zumutbaren Sofortmassnahmen ergriffen werden, beispielsweise durch den Einsatz von Nachtpferchen. Dass viele Flächen im Gebiet gar nicht mehr mit Schafen bestossen werden, wie dies aktuell der Fall ist, entspricht überdies nicht dem Wunsch der GWS. Gerade die grösseren Alpen, wie diejenige im Ginals, wären prädestiniert dafür, künftig unter ständiger Behirtung geführt und angemessen geschützt zu werden. Die GWS ist dazu bereit, Unterstützung finanzieller, logistischer oder personeller Natur zu bieten, um solche Alpen in Zukunft unter Einsatz von Herdenschutzmassnahmen weiterhin zu bestossen.

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