Werner Müller, Mit-Initiant des «Festivals der Natur» und Geschäftsleiter von SVS/BirdLife
Werner Müller, Mit-Initiant des «Festivals der Natur» und Geschäftsleiter von SVS/BirdLife

«Die Natur braucht mehr Aufmerksamkeit»

  • Redaktion Naturschutz
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Am Wochenende vom 20. bis 21. Mai wird mit dem «Festival der Natur» auf die Bedeutung der Biodiversität hingewiesen. Werner Müller, Mit-Initiant des Festivals und Geschäftsleiter von SVS/BirdLife, erzählt im Interview, wie wichtig der Schutz der Natur für uns ist.

Werner Müller, Sie sind Mit-Initiant des «Festivals der Natur» und wollen so die breite Bevölkerung für das Thema Biodiversität sensibilisieren. Worauf können sich die Besucher freuen?

Wir haben mehr als 500 Veranstaltungen in allen Landesteilen, organisiert von mehr als 200 Organisationen (naturschutz.ch berichtete). Die Veranstaltungen decken alle Themen der Biodiversität ab – wir sind total begeistert von den Reaktionen! Alle Naturschutzorganisationen gestalten diesen Anlass mit, auch Fischer, Jäger, Imker-Vereine, Gemeinden und Ortsvereine. Und was mich ganz besonders freut: Auch Tourismus-Organisationen sind sehr engagiert mit dabei. Allein von Interlaken Tourismus im Berner Oberland kommen mehr als 20 Veranstaltungen! Wir laden die Bevölkerung ein, unter kundiger Leitung hinauszugehen und die Natur zu geniessen. Zum Beispiel bei Tagesanbruch in einem Naturschutzgebiet: erleben, wie die Sonne aufgeht, die Vögel zu singen beginnen oder eine taunasse Blumenwiese im Sonnenschein glitzern zu sehen. Solche Erlebnisse tragen entscheidend dazu bei, dass sich Schweizerinnen und Schweizer stärker mit dem Zustand der Biodiversität beschäftigen.

Welchen Nutzen bringt die Teilnahme am Festival diesen Institutionen?

Die Natur braucht mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Denn die Biodiversität nimmt weiterhin in beängstigendem Ausmass ab. Das Festival der Natur soll die Bevölkerung in die Natur bringen und sie für Themen der Natur und Biodiversität begeistern. Ich bin überzeugt: Damit lässt sich erreichen, dass mehr für die biologische Vielfalt getan wird und beispielsweise der Aktionsplan Biodiversität rasch und engagiert umgesetzt wird. Mit dem Festival der Natur können wir auch neue Bevölkerungskreise für die Natur gewinnen, die sich bis anhin vielleicht weniger mit Fragen der biologischen Vielfalt auseinandergesetzt haben.

Welche Bedeutung hat die Artenvielfalt in Bezug zu unserer Lebensqualität?

Die Biodiversität liefert z.B. Nahrungsmittel und Medizinalstoffe und für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung unverzichtbare Ökosystemleistungen. Solche Ökosystemleistungen sind zum Beispiel das Trinkwasser, das von Wäldern und deren Böden in genügender Menge und Qualität zur Verfügung gestellt wird, der Schutz vor Steinschlag und Lawinen, die Sicherung der Bodenfruchtbarkeit oder auch die Steigerung der Lebensqualität als Standortvorteil für den Tourismus.

Ist der Artenrückgang in der Bevölkerung überhaupt ein Thema?

In der Schweiz hat die Biodiversität in den letzten Jahrzehnten dramatisch abgenommen. Der heutige Zustand ist alarmierend. Der Verlust an Biodiversität ist höchst gefährlich, zumal er schleichend aber kontinuierlich voranschreitet: Umfragen haben aber gezeigt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung das Gefühl hat, der Biodiversität in der Schweiz gehe es gut. Diese Einschätzung hängt wohl damit zusammen, dass es trotz Verbauungen immer noch grüne Wiesen gibt. Doch auf diesen Wiesen kommen statt hundert oder fünfzig vielleicht nur noch zehn Arten vor. Ich denke, dass wir in den letzten zwanzig Jahren eine Biodiversitätskatastrophe erlebten. Wenn dieser Artenrückgang in wenigen Wochen passiert wäre, dann würden alle handeln, weil es offensichtlich ist. Doch so gewöhnt man sich daran. Meine Kinder wissen nicht mehr, dass es früher einmal ganz anders aussah. Jede Generation geht vom neuen verarmten Zustand aus.

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40 Prozent aller in der Schweiz lebenden Säugetier- und Vogelarten stehen auf der Roten Liste und sind bedroht – bei den Reptilien sind es sogar 75 Prozent. Was sind die Gründe für diesen Artenrückgang?

Der wichtigste Grund für den Artenrückgang ist der Lebensraumverlust. Von vielen Lebensräumen haben wir einen grossen Teil der Flächen verloren. Zum Beispiel über 70 Prozent der Auengebiete. Früher haben die Flüsse mäandriert, Inseln wurden aufgeschüttet und wieder weggeschwemmt. Heute gibt es nur noch ganz wenige natürliche Auen. Bei den Mooren sind landesweit 82 Prozent verloren gegangen. Bei den Trockenwiesen mit ihren vielen Blumen verschwanden etwa 95 Prozent. Dafür verantwortlich ist die intensive Nutzung des Landes. Auch im Siedlungsraum sind durch die Versiegelung von Oberflächen viele wertvolle Lebensräume verschwunden. Pro Sekunde werden in der Schweiz 0,9 Quadratmeter Boden versiegelt. Zusätzlich wirkt sich auch der Chemikalien- und Stickstoffeintrag über die Luft und die Gewässer negativ auf die Biodiversität aus; auch die Ausbreitung gebietsfremder Arten und der Klimawandel zeitigt negative Folgen.

Was ist gegen den Artenrückgang und gegen den Verlust der Artenvielfalt zu tun?

Der Schutz und die Förderung der Biodiversität ist eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Herausforderung. Damit die biologische Vielfalt langfristig zumindest erhalten bleibt und die Ökosystemleistungen in der Schweiz sichergestellt sind, ist die vom Bundesrat beschlossene nationale Strategie Biodiversität Schweiz unverzüglich und engagiert mit dem überfälligen Aktionsplan umzusetzen. Dazu gehört beispielsweise der Erhalt der Biodiversität bei allen Nutzungen namentlich der Land- und Waldwirtschaft oder im Tourismus. Es braucht eine funktionierende ökologische Infrastruktur. Und gleichzeitig ist die spezifische Artenförderung zu stärken. Jeder kann bereits in seinem Umfeld dazu beitragen, dass vermehrt Blumenwiesen angelegt oder einheimische Sträucher und Bäume gesetzt werden.

Was ist das «Festival der Natur»? Lesen Sie hier »

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Werner Müller, 62, ist seit 1979 Geschäftsführer des Schweizer Vogelschutzes SVS/BirdLife und setzt sich auf verschiedenen Ebenen für die Biodiversität ein. Müller ist Sekretär der parlamentarischen Arbeitsgruppe «Biodiversität und Artenschutz» und nahm als Mitglied der Schweizer Delegation an Weltkonferenzen für den Artenschutz teil.

1 Kommentar

  • Schacher

    Guten Herr Müller
    Sehr gute Analyse. Ich bin ganz Ihre Meinung. Ich habe den Rückgang beim beobachten von den Vögeln.
    Freundliche Grüsse
    P. Schacher

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