Dorngrasmücke, gefangen in einem engen Hohlraum. | © A. Qninba
Dorngrasmücke, gefangen in einem engen Hohlraum. | © A. Qninba

Des Falkens lebende Vorratskammer

  • Judith Schärer
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Ein unbarmherziges Jagdverhalten wurde vor kurzem bei einer Population des Eleonorenfalken in Marokko beobachtet: Um ihre Beute möglichst frisch verspeisen zu können, halten sie diese in engen Löchern und Felsvorsprüngen bis zum Verzehr lebend gefangen.

Im letzten Jahr wurde bei einer Eleonorenfalken-Kolonie an der marokkanischen Küste erstmals ein aussergewöhnliches Jagdverhalten dokumentiert. Sie „lagern“ ihre Beute, indem sie diese in Hohlräumen des Gesteins oder in Felsspalten lebendig gefangen halten, sodass sie nicht mehr entkommen können. Zuerst werden den Beutetieren die Schwanz- und Schwungfedern ausgerissen, danach werden sie durch den Falken in möglichst kleine und enge Löcher gedrängt, sodass sie weder ihre Flügel noch die Füsse bewegen können.

Bei gutem Nahrungsangebot jagen die Falken jeweils auf Vorrat. Sie verzehren nicht die gesamte Beute auf einmal, sondern die gejagten Kleinvögel liegen während einiger Tage als Vorrat neben dem Nest. Dies birgt den Nachteil, dass die toten Tiere schnell austrocknen und von Ameisen belagert werden, wodurch sie für den Falken ungeniessbar werden. Die Falken haben dies offenbar als Problem erkannt und ihre Jagdstrategie dementsprechend angepasst. Eine derartige Taktik wurde vorher noch nie bei einem Greifvogel beschrieben.

Malträtierter Zilpzalp, dem durch einen Eleonorenfalken die Federn ausgerissen wurden.| © A. Qninba
Malträtierter Zilpzalp, dem durch einen Eleonorenfalken die Federn ausgerissen wurden.| © A. Qninba

Die Taktik der Falken, ihre Beute derart in Gefängnissen zu halten, kann auch schon vor dem Schlüpfen der jungen Falken beobachtet werden. Die Beute wird meistens während einiger Tage auf diese Weise verwahrt, bevor sie verspiesen wird. So wird gewährleistet, dass die Nahrung möglichst frisch und geniessbar bleibt. Was neben anderen Detailfragen noch zu untersuchen bleibt, ist die Frage, ob das Verhalten innerhalb der ganzen Art verbreitet ist oder nur in der beobachteten Population der marokkanischen Falken.

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Anpassungs-Künstler

Auch im sonstigen Verhalten ist der Eleonorenfalke ein Meister der Anpassung. So hat er beispielsweise seine Fortpflanzung weitgehend mit dem Durchzug von gewissen Vogelarten, seinen Beutetieren, synchronisiert. Ausserhalb der Brutzeit besteht die Nahrung des Falken aus grösseren Insekten, welche im Flug erbeutet werden. Während der Fortpflanzungszeit ernährt er sich und seinen Nachwuchs dann ausschliesslich von den kleineren Vertretern gewisser Zugvögel. Der Falke legt seine Eier erst spät, um das Nahrungsangebot, welches durchziehende Singvögel aus dem Norden im Spätsommer darstellen, möglichst gut auszunutzen.

Eleonorenfalke | © Innotata [CC-BY-SA-3.0], via wikimedia commons
Eleonorenfalke | © Innotata [CC-BY-SA-3.0], via wikimedia commons

Das spannende Jagdverhalten der Eleonorenfalken in Marokko wurde in folgendem Bericht beschrieben: Qninba, A., Benhoussa, A. Radi, M., El Idrissi, A., Bousadik, H., Badaoui B. & El Agbani, M.A. 2015. Mode de prédation très particulier du Faucon d’Éléonore Falco eleonorae sur l’Archipel d’Essaouira (Maroc Atlantique). Alauda 83(2): 149-150.

Zudem gibt es einen spannenden Artikel darüber in diesem Blog >>

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