© Peer Appelfelder
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Der Aletschwald entwickelt sich zu einem Naturwald

  • Nicole Wabersky
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Bald nach der Gründung des Naturwaldreservats Aletschwald im Jahr 1933 begannen Forschende, den einzigartigen Lärchen-Arvenwald auf der Riederalp im Kanton Wallis zu beobachten. Die Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL hat nun die Daten der bisherigen Waldinventuren ausgewertet und die Ergebnisse in zwei Berichten zusammengefasst.

Der Aletschwald auf rund 2000 m. ü. M. zählt zu den eindrücklichsten Wäldern der Schweiz. Mächtige Arven und Lärchen trotzen oberhalb des Aletschgletschers dem rauen Klima des Hochgebirges. Auf der nahe gelegenen Jungmoräne, die der Aletschgletscher vor rund 150 Jahren freigegeben hat, hat sich ein Lärchen-Pionierwald etabliert.

Das war jedoch nicht immer so. Noch Anfang des letzten Jahrhunderts nutzten die Menschen den Aletschwald intensiv. Sie sammelten Brennholz und Heidelbeeren, liessen Rinder und Ziegen darin weiden oder fällten Bäume für den Eigenbedarf oder den Verkauf. Die Einzigartigkeit des Waldes drohte verloren zu gehen.

1933 pachtete die Naturschutzorganisation Pro Natura das Gebiet und stellte es zusammen mit dem Kanton Wallis unter Schutz, um den Wald langfristig zu erhalten und eine natürliche Waldentwicklung zu ermöglichen.

Dank der kontinuierlichen Erforschung des Aletschwaldes über sieben Jahrzehnte hinweg ist es heute möglich, die Entwicklung der beiden charakteristischen Waldtypen umfassend zu beschreiben. Die WSL hat die Datenreihen in der Zwischenzeit ausgewertet und die Ergebnisse in zwei Berichten publiziert.

© Caroline Heiri
Spuren der früheren Nutzung: abgesägte und noch kaum vermoderte Wurzelstöcke, in denen sich junge Bäume angesiedelt haben. Foto © Caroline Heiri

Obwohl im Lärchen-Arven-Altbestand immer noch deutliche Spuren der früheren Nutzung erkennbar sind, hat sich dieser Wald innert 70 Jahren klar in Richtung eines Naturwaldes entwickelt. Er ist heute erheblich dichter. Verglichen mit 1942 hat sich die Anzahl Bäume etwa vervierfacht. Pro Hektar wachsen zudem rund sieben sogenannte Giganten, Bäume mit einem Stammdurchmesser von mindestens 80 Zentimetern.

Zudem wird der Aletschwald immer noch von der Arve dominiert. Doch die Lärche hat in den vergangenen Jahrzehnten ihren Anteil erhöht und auch Laubbäume wie Birke, Alpenerle, Vogelbeere und Weiden sind heute im Reservat vereinzelt zu finden.

Pro Hektar fanden die Forschenden ausserdem 24 Kubikmeter Totholz, was deutlich mehr als in einem durchschnittlichen Schweizer Wald, im Vergleich zu einem Urwald allerdings immer noch sehr wenig ist.

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Die Lärchen bilden einen dichten Pionierwald, in den sich junge Birken mischen. Foto © Peer Appelfelder

Direkt neben dem Lärchen-Arven-Altbestand hat sich auf der 1942 noch weitgehend baumlosen Jungmoräne ein dichter Lärchen-Pionierwald angesiedelt. Für die Forschenden war es spannend zu sehen, dass sich innert 70 Jahren praktisch aus dem Nichts ein kleiner Wald etablieren konnte. Giganten fehlen in diesem Jungwald allerdings noch vollständig und auch Habitatstrukturen mit totem Holz sind selten.

Trotz der festgestellten, positiven Entwicklung gibt es einen Wermutstropfen: Seit 1982 beobachten die Forschenden, dass die Anzahl kleiner Bäume nicht mehr zunimmt oder sogar schrumpft. Insbesondere im Lärchen-Arven-Altbestand wachsen deutlich weniger Jungbäume nach als für die langfristige Walderhaltung nötig wäre. Alles deutet darauf hin, dass der grosse Hirschbestand die natürliche Waldverjüngung hemmt und dadurch die langfristige Zukunft des Aletschwalds gefährdet.

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