© Gregor Klaus | Angesäte und angepflanzte Siedlungsnatur in Gebenstorf AG.
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Das grosse Gärtnern                          

  • Redaktion Naturschutz
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In den Gärtnereien der Schweiz werden rund 2000 Pflanzenarten aus der ganzen Welt kultiviert. Allein die Stadtgärtnerei Zürich produziert jährlich 250000 Einzelpflanzen für die öffentlichen Blumenrabatten. Auch die Landwirtschaft und die Fischerei haben einen freizügigen Umgang mit dem Verteilen von Organismen in der Landschaft.

Artikel von Gregor Klaus und Daniela Pauli aus „HOTSPOT 31/15„. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Forums Biodiversität Schweiz.

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Der Naturschutz richtet dagegen mit sehr viel kleinerer Kelle an. Einmal alle drei Schaltjahre eine ausgestorbene Wirbeltierart, die unter grossem Medienrummel wieder angesiedelt wird, hier und da eine Pflanzenart, die mit menschlicher Unterstützung eine renaturierte Fläche besiedeln darf. Meist gehen den Wiederansiedlungen lang jährige Forschungsarbeiten und sorgfältige Abklärungen voraus.

Risiken und Nebenwirkungen

Mit den Aussetzungen von Tieren und Pflanzen verfolgt der Naturschutz das Ziel, einst ansässige, inzwischen verschwundene Arten wieder anzusiedeln oder stark dezimierte Populationen zu stärken. Der Handlungsbedarf ist gross: Viele einst weit verbreitete und charakteristische Arten haben in den vergangenen Jahrzehnten starke Arealverluste erlitten. Die Verluste dauern an, so dass eine Wiederbesiedlung auch bei vermeintlich geeigneten Standorten nicht mehr zu erwarten ist. Dasselbe gilt für renaturierte Gebiete: Da viele Arten wenig mobil und damit bezüglich ihrer Ausbreitung limitiert sind, haben sie keine Möglichkeit, die für sie geschaffenen Flächen zu erreichen. Ansiedlungen sind allerdings unter Naturschutzbiologen umstritten. Sie erwecken den Eindruck, dass zerstörte Lebensräume und Populationen problemlos wieder herstellbar sind, sie sind teuer und arbeitsintensiv, können die genetische Zusammensetzung einer Population verfälschen oder Krankheitserreger verbreiten. Werden die ausgesetzten Tiere der freien Wildbahn entnommen, führt dies zur Schwächung bestehender Populationen. Wiederansiedlungen können deshalb den Gefährdungsgrad einer Art verschärfen statt ihn zu verbessern.

In der Schweiz wird dieses Instrument zur Erhaltung der Biodiversität dementsprechend vorsichtig angewandt. In seinem Artenförderungskonzept schreibt das Bundesamt für Umwelt BAFU: «Bei Wiederansiedlung, Stärkung und Umsiedlung von Populationen ist grundsätzlich Zurückhaltung geboten.» Die gleiche Forderung stellt Pro Natura in ihrem «Standpunkt Artenschutz». «Wiederansiedlungsprojekte werden nur mit Zurückhaltung eingesetzt.» Oberste Priorität habe die Schaffung von Schutzgebieten und die nachhaltige Nutzung der übrigen Landesfläche.

Richtlinien und Grundsätze

Risiken und Nebenwirkungen gibt es nicht erst bei der Ansiedlung, sondern bereits bei der ex situ-Haltung und -Vermehrung von Arten in Botanischen Gärten und Zoos. Es besteht die Gefahr, dass sich die Arten an die Bedingungen der Gefangenschaft anpassen und genetische, verhaltensökologische, physiologische oder morphologische Veränderungen durchlaufen, die dazu führen, dass die Tiere oder Pflanzen nicht mehr in ihrer natürlichen Umgebung bestehen können.

Die für die ex situ-Haltung verantwortlichen Stellen sind sich dieser Probleme bewusst und gehen sie gezielt an. So hat Info Flora – das nationale Datenzentrum zur Schweizer Flora – an einer Tagung im Januar 2015 die Möglichkeiten und Risiken der ex situ-Erhaltung von Pflanzen aufgezeigt. Darauf aufbauend werden Richtlinien und Grundsätze für die Praxis definiert. Im Kanton Zürich existiert schon länger ein Vermehrungsprogramm für bedrohte Pflanzenarten, das auf klaren Grundlagen in Bezug auf die Zucht und die Ausbringung von Arten beruht. Auch die Zoos versuchen, intakte Populationen von Zootieren mit möglichst grosser genetischer Variabilität zu schaffen.

Erfolge und Misserfolge

Wiederansiedlungen haben dem Naturschutz einige der wenigen Erfolgserlebnisse beschert. Luchs, Steinbock, Biber und Bartgeier leben nur dank Wiederansiedlungsprojekten wieder in der Schweiz. Diese Vorzeigebeispiele dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Wiederansiedlungen fehlschlagen. Prominentes Beispiel in der Schweiz ist das Rebhuhn.

Es gibt viele Ursachen für die Misserfolge. Hauptgrund ist der fehlende Lebensraum. Bei Arten, die (wie die vier oben genannten Wirbeltierarten) durch übermässige Bejagung ausgerottet wurden, sind Ansiedlungen deshalb eher von Erfolg gekrönt. Wenn eine Art aber durch schleichende Lebensraumdegradation verschwunden ist, besteht wenig Hoffnung auf eine Rückkehr. So eignen sich unsere stickstoffbelasteten und nährstoffgesättigten Böden kaum mehr für konkurrenzschwache Lebensraumspezialisten. Nur durch technisch aufwändige Massnahmen wie die Abhumusierung einer Wiese können wieder nährstoffarme Standorte geschaffen werden. Solche Massnahmen sind allerdings immer schwieriger durchzusetzen.

Es gibt aber auch positive Meldungen: Die zunehmende Forschungsaktivität auf dem Gebiet der Wiederansiedlungen und die Zusammenarbeit mit der Naturschutzpraxis erhöhen weltweit die Erfolgsquote für Wiedereinbürgerungen.

Steigende Bedeutung

Wiederansiedlungen sind sicher kein Allheilmittel gegen den Biodiversitätsverlust. Doch sie werden immer eine gewisse Rolle spielen, um Arten in freier Wildbahn zu erhalten. Ihre Bedeutung dürfte gar rapide steigen. Denn die Umgestaltung und Fragmentierung der Lebensräume und damit der Rückgang zahlreicher bereits seltener oder bedrohter Arten hält an. Ein Zahlen- beispiel: Die globale Biomasse aller Wirbeltiere besteht nur noch zu 5% aus wildlebenden Tieren; 30% sind Menschen, 65% Nutztiere. Gleichzeitig verschiebt der Klimawandel die Verbreitungsgebiete der Arten.

Damit stellt sich die Frage, welche Biodiversität wir langfristig überhaupt schützen oder fördern wollen. Bisher orientierte sich der Naturschutz an Bildern aus der Vergangenheit. Doch ist eine Vision im Sinne von grossflächiger «unberührter Wildnis» oder «tradi- tionell genutzter Kulturlandschaft» und der damit verbundenen Artengarnitur angesichts der Veränderungen der letzten 150 Jahre und neueren Entwicklungen wie Klimawandel und Globalisierung überhaupt realistisch? Während wir in Europa noch stark dem traditionellen und bewahrenden Naturschutz verbunden sind und bei Renaturierungen den ursprünglichen Zustand vor Augen haben, ergreift insbesondere in den USA zunehmend eine neue Generation von Naturschützenden das Wort. Sie bringen alternative Ansätze ins Spiel und brechen mit alten Tabus. Konkret schlagen sie vor, Arten in neue Gebiete zu verfrachten, um dem Aussterben im Zusammenhang mit dem Klimawandel zuvorzukommen. Sie schrecken nicht davor zurück, nicht-einheimische Arten auszubringen, welche die bereits ausgestorbenen in ihrer ökologischen Funktion ersetzen sollen. Und sie plädieren für neue, künstlich angelegte Ökosysteme in unserer Landschaft, sogenannte «novel ecosystems».

Emma Marris skizziert in ihrem 2012 erschienenen Buch «Rambunctious Garden – Saving Nature in a Post-Wild World» das Bild eines Weltgartens, in dem der Mensch nicht nur Schutzgebiete ausweist, sondern flächendeckend Natur anlegt und pflegt. Tatsächlich sind nicht nur naturbelassene Lebensräume für die Biodiversität wertvoll, sondern auch im modernen Sinn genutzte Flächen oder Sekundärbiotope. Müssen wir vielleicht generell mehr «gärtnern», um auf der ganzen Landesfläche artenreiche und funktionierende Lebensräume zu etablieren? Zumindest scheint «Gärtnern» dem Wesen des Menschen näher zu liegen als «Revitalisieren» oder «Abhumusieren». Für den Naturschutz würde dies bedeuten, offener zu sein für neue, «künstliche», aber artenreiche Lebensgemeinschaften.

Soll die Biodiversität langfristig erhalten oder gar gefördert werden, müssen wir wohl alle Register ziehen: den bewahrenden Schutz von noch vorhandenen Naturwerten, die Aufwertung von degradierten Lebensräumen, die gezielte Förderung von bedrohten Arten bis hin zu Wiederansiedlungen – aber auch die Schaffung von neuartigen Lebensräumen in Gegenden, die andernfalls bezüglich Biodiversität mehr oder weniger wertlos wären. Die aktive und bewusste Gestaltung der Natur auf einem grösseren Teil der Landesfläche wäre keineswegs als Freipass zur unbegrenzten Intervention in die Natur oder gar die Zerstörung der verbliebenen naturnahen Lebensräume zu verstehen. Doch ein dynamischeres Bild von Natur könnte der Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der Natur entgegenwirken. Die Biodiversität könnte wieder zur Grundausstattung der Normallandschaft werden.

Dieser Artikel erschien zuerst in Hotspot 31/15 „Chancen und Grenzen der Wiederansiedlung von Arten“.

2 Kommentare

  • Uwe Scheibler

    Die „neue Generation von Naturschützenden“ sind eben genau das nicht. Mit Konzepten wie „novel ecosystems“ und „rambunctious garden“ offenbaren sie nur die Ohnmacht gegenüber den aktuellen Megatrends, sozusagen eine Kapitulation der besonderen Art. Und ausserdem bewegen sich diese Leute in derselben rein anthropozentrischen Dimension, die uns überhaupt in diesen Schlamassel gebracht hat. Kein Wunder, dass sie für ihre „Modernität“ viel Lob bekommen.
    Auch wenn’s schwerfällt, Verzicht, bzw. Besinnung auf neue, dematerialisierte Lebensstile und Décroissance sind die Zukunft für einen wirksamen Naturschutz!

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  • Mayer Rosmarie

    Privatpersonen mit Gärten motivieren für naturnahes Bepflanzen und Gärtnern. Anstatt hochgezüchtete Pflanzen, Wildpflanzen verwenden. – Ich spreche aus Erfahrung: in unserem Garten blüht und gedeiht es wunderbar – ohne jegliches Gift, Schneckenkörner, Kunstdünger etc. – Denn dafür habe ich meine fleissigen Helfer: Bienen, Vögel, Igel, Spitzmaus, Weinbergschnecken etc.
    etc.

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