© Markus Weidmann / Amt für Wald und Naturgefahren (AWN)
© Markus Weidmann / Amt für Wald und Naturgefahren (AWN)

Bündner Wald hält dem Klimawandel stand

  • Roman Vonwil
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Welche Auswirkungen eine Erwärmung des Klimas auf den Schweizer Wald haben wird, ist zur Zeit ein Thema, das die Forstwelt beschäftigt – auch im Kanton Graubünden. Wenn das Klima wärmer wird, könnte es für die Waldföhre und Fichte in den tiefen Tallagen in Graubünden zeitweise zu trocken werden. In mittleren und höheren Lagen hingegen werden die Wälder tendenziell besser wachsen und sich gut verjüngen. Zu diesem Schluss kommen das Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement Graubünden und die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Projekt ‚Bündner Wald im Klimawandel‘.

Der Anstieg der Temperaturen während der letzten 50 Jahre ist weltweit, wie auch im Kanton Graubünden, aussergewöhnlich. In den tiefen Lagen im Kanton Graubünden nahm seit den 1960er Jahren die jährliche Anzahl Tage mit einer Maximal-Temperatur von mehr als 25 Grad um 50 bis 70 Prozent zu, die Anzahl Frosttage hingegen nahm um 15 bis 45 Prozent ab. Die mittlere Jahrestemperatur ist in dieser Region im vergangenen Jahrhundert um 2 bis 2,5 Grad angestiegen.

Die Regierung des Kantons Graubünden will dem Klimawandel aktiv begegnen, und lässt in unterschiedlichen Bereichen Grundlagen erarbeiten, die aufzeigen sollen, welchen Einfluss der Klimawandel in den jeweiligen Sektoren haben wird. Für den Bereich Wald bedeutete dies laut Regierungspräsident und Forstdepartementsvorsteher Mario Cavigelli, „dass zuerst genauer abgeklärt werden musste, wie sich das wärmere Klima heute schon konkret auf den Wald auswirkt und wie es in den kommenden Jahrzehnten weiter gehen könnte“. Dazu wurde im Jahr 2009 das Projekt ‚Bündner Wald im Klimawandel‘ gestartet, welches gemeinsam vom Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement (BVFD) Graubünden und von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) durchgeführt wurde. Grundlagen für dieses Projekt bildeten Beobachtungen, dass die Waldföhre im Churer Rheintal während der warmen und niederschlagsarmen Jahre 2003 bis 2006 zahlreich abgestorben war, sowie die Frage, wie sich diese Baumart unter vergleichbaren Bedingungen künftig weiter entwickeln werde.

Zunächst untersuchte die WSL im Churer Rheintal und im Domleschg in mehreren Höhenlagen, wie sich Trockenheit auf die Wachstumsdynamik von Waldbäumen auswirkt. „Die Absterbeprozesse im Rheintal schienen jenen ähnlich zu sein, die wir zuvor im noch trockeneren Rhônetal des Kantons Wallis beobachtet hatten. Dort wiesen wir einen Zusammenhang mit dem Klimawandel nach“, sagt Andreas Rigling, der die Forschungsarbeiten im Churer Rheintal zusammen mit Thomas Wohlgemuth leitet.

Die Forschungsergebnisse haben ergeben, dass in tiefen Lagen die Waldföhren in niederschlagsarmen Jahren auffallend schmale Jahrringe produzierten und kurze Höhen- und Seitentriebe bildeten. An trockenen Stellen starben viele Bäume ab. „Wir rechnen damit, dass sich Trockenperioden wie diejenige vor etwa zehn Jahren in Zukunft häufiger ereignen. Dann werden vor allem Waldföhren und Fichten auf schlecht mit Wasser versorgten Böden leiden oder sogar absterben“, sagt Thomas Wohlgemuth.

Die langfristigen Folgen einer weiteren Temperaturerhöhung um bis zu 4 Grad, welche sich gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen bis zum Ende dieses Jahrhunderts einstellen kann, werden sich in den Tief- und Hochlagen unterscheiden. „In den Tieflagen, beispielsweise im Churer Rheintal, wird die Waldföhre wohl nur noch in lockeren oder gemischten Beständen weiter bestehen. Auch für Fichte, Weisstanne und Buche gibt es an warmen Orten dann keine optimalen Wuchsbedingungen mehr. Stattdessen dürften sich die einheimischen Eichenarten ausbreiten“, sagt Thomas Wohlgemuth. Oberhalb von 1000 bis 1200 Metern hingegen wirkt sich die Trockenheit nicht mehr negativ aus. Die Forscher rechnen damit, dass Fichte und Lärche dort bei höheren Temperaturen und nach wie vor genügend Niederschlägen besser wachsen als heute.

Die Keimlingsversuche der WSL zeigen, dass Baumsamen in den Tieflagen auch bei wärmeren Temperaturen in den meisten Jahren ausreichend Feuchtigkeit zum Keimen vorfinden werden. Entsprechend wird die Waldverjüngung in Zukunft kaum limitiert sein. Dies dürfte ausreichen, um den Wald zu erhalten. Kritisch dürfte es lediglich in Trockenperioden wie in den Jahren 2003 bis 2006 werden, wenn Niederschläge im Frühsommer über mehrere Jahre ausbleiben. „Dann werden auf Böden, die schnell austrocknen, kaum junge Bäume keimen. Die Situation könnte sich in einem wärmeren Klima verschärfen“, sagt Thomas Wohlgemuth.

Die Experimente mit Föhren- und Fichtensamen aus unterschiedlich trockenen Regionen in den Kantonen Graubünden und Wallis sowie in ausländischen Berggebieten geben keine Hinweise, dass ausländische Herkünfte dieser Baumarten sich besser an ein verändertes Klima anpassen können. „Für die Suche nach Baumarten, die mehr Wärme und Trockenheit ertragen und trotzdem frosthart sind, können wir uns noch etwas Zeit nehmen“, meint Kantonsförster Reto Hefti.

„Die vorliegende Studie verbessert die Entscheidungsgrundlage für den Kanton Graubünden erheblich“, sagt Regierungspräsident und Forstdepartementsvorsteher Mario Cavigelli. Für ihn ist klar: Je mehr Baumarten und Herkünfte es in einer Region gibt, desto grösser ist die Chance, dass der Wald als Ganzes kommende Klimaschwankungen gut übersteht und er uns weiterhin als Erholungsraum, als Schutz vor Naturgefahren und zur Holznutzung dient. „Hier sind vor allem die Revierförster und Waldeigentümer gefordert, die weiterhin auf einen grossen Artenreichtum im Jungwald setzen sollen“, ergänzt er.

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