Der Wiedehopf ziert die Titelseite des neuen Schweizer Brutvogelatlas. Er ist eine jener bedrohten Vogelarten, die in den letzten Jahren erfolgreich gefördert werden konnten. © Markus Varesvuo.
Der Wiedehopf ziert die Titelseite des neuen Schweizer Brutvogelatlas. Er ist eine jener bedrohten Vogelarten, die in den letzten Jahren erfolgreich gefördert werden konnten. © Markus Varesvuo.

Brutvogelatlas zeigt Gewinner und Verlierer in der Vogelwelt

  • Stefanie Wermelinger
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Der neue Schweizer Brutvogelatlas – Ein dicker Wälzer, der einen Überblick über die aktuelle Vogelwelt bringt und die Entwicklung der Bestände im Vergleich zu vergangenen Jahren einordnet. Ein brillantes Nachschlagwerk, aber nicht nur: Zahlreiche Informationstexte erklären die einzelnen Entwicklungen und Schicksale und machen das Buch zu einer Bereicherung im Bücherregal.

Der neue Schweizer Brutvogelatlas ist eine Volkszählung der wildlebenden Vögel, der dank der Mitarbeit von über 2000 Freiwilligen den Zustand und die Entwicklung der Schweizer und Liechtensteiner Vogelwelt von 2013 bis 2016 illustriert. Der Brutvogelatlas ist bereits die vierte Bestandsaufnahme, welche jeweils im Abstand von zwanzig Jahren herausgegeben wurde. Durch diese lange Zeitreihe kann die Entwicklung der Vögel über die Jahre analysiert und diskutiert werden.

Ein imposanter Eindruck macht der Brutvogelatlas nur schon äusserlich. Ein richtiger Wälzer, 648 Seiten, das Format 24 auf 32 Zentimeter und das Gewicht lässt einem beim Überreichen des Buches in die Knie gehen. Der erste Eindruck ist bereits sehr beeindruckend.

Auf den ersten Seiten des Atlas wird auf die veränderten Lebensbedingungen der Vögel in verschiedenen Lebensräumen eingegangen. Aufgeteilt wird in die Kategorien Wald, Gewässer und Feuchtgebiete, Berge und alpiner Lebensraum, Landwirtschaftsgebiet und in Siedlungsraum. Wer nicht die ganzen Texte lesen will, kann sich die einfach dargestellten Karten anschauen, die einem schnell und verständlichen einen Überblick über die Ergebnisse liefern und die Gewinner- und Verliererregionen farblich hervorheben. Beispielsweise kristallisiert sich heraus, dass die Vogelarten vor allem in Landwirtschaftsgebieten stark zurückgegangen sind. Ein typisches Beispiel für dieser Rückgang ist die Feldlerche (Alauda arvensis), welche einst weit verbreitet und häufig anzutreffen war. Heute wird sie als potentiell gefährdet eingestuft und die Dichte ist vor allem im Mittelland rund zehnmal tiefer als noch im Jahr 1990.

Schweizweit gehören Vögel des Kulturlands zu den grossen Verlierern: Die Vogelarten der „Umweltziele Landwirtschaft“ (UZL) haben in den letzten 20 Jahren weiterhin abgenommen, wie die weitgehend rote Veränderungskarte zeigt. Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten von 35 Arten. © Schweizerische Vogelwarte.
Schweizweit gehören Vögel des Kulturlands zu den grossen Verlierern: Die Vogelarten der „Umweltziele Landwirtschaft“ (UZL) haben in den letzten 20 Jahren weiterhin abgenommen, wie die weitgehend rote Veränderungskarte zeigt. Die Karte entstand durch die Kombination der Veränderungskarten von 35 Arten. © Schweizerische Vogelwarte.

Vielfältige Informationen

Informationen zu der Feldlerche findet man nicht nur am Anfang des Buches, sondern auch im Hauptkapitel, in welchem jeweils eine Doppelseite Auskunft über eine der rund 249 dokumentierten Arten und Unterarten der Brutvögel gibt. Jede Doppelseite ist gleich aufgebaut und macht es einem dadurch einfach, die gesuchte Information zu dem betreffenden Vogel schnell herauszulesen. Auf der linken Seite findet man ein Bild des Vogels, Diagramme zu der Höhenverteilung und einem Bestandesindex. Dazu gibt es einen kurzen, übersichtlichen Text. Auf der rechten Seite kommt noch eine Dichtekarten und eine Dichteänderungskarte, welche die Veränderung der Anzahl Reviere seit der letzten Erhebung zeigt, hinzu.

Ansicht einer Doppelseite aus dem neuen Brutvogelatlas. © Schweizerische Vogelwarte.
Ansicht einer Doppelseite aus dem neuen Brutvogelatlas. © Schweizerische Vogelwarte.

Die Informationen sind sehr übersichtlich dargestellt und Wichtiges wie der Status in der Roten Liste oder die aktuelle Bestandeszahl ist hervorgehoben und sticht einem ins Auge. Auch die Informationsmenge ist in einem guten Umfang gehalten, es wirkt nicht überladen und es konzentriert sich auf die wichtigen Informationen. Alleine die Diagramme könnten für einen Laien im ersten Moment schwer zu verstehen sein. Doch eine kurze, sehr verständliche Lesehilfe findet sich auf der letzten Seite und hilft einem weiter. Da die Art der Diagramme und Karten immer gleich sind, muss man auch nicht bei jeder neuen Art wieder spicken gehen. Das konstant gleiche Layout ist durchaus von Vorteil.

Fokustexte decken spannende Zusammenhänge auf

Zwischen den verschiedenen Artentexten gibt es auch immer wieder sogenannte Fokustexte, insgesamt 26 Stück. Diese nehmen übergeordnete Themen in den Fokus und bringen diese in Zusammenhang mit den Ergebnissen des Atlas. Bei der Doppelseite zur Feldlerche wird zum Beispiel  auf viele verschiedene Fokustexte hingewiesen. Mit dabei sind Themen wie «Ausdehnung des Siedlungsraum hat Folgen für Kulturlandvögel» oder «Zu viel Dünger schadet den Vögeln». Solche Fokustexte bringen immer wieder spannende weiterleitende Informationen und verhindern so, dass der Brutvogelatlas «nur» als Nachschlagwerk genutzt werden kann.

Kaum eine Vogelart musste so schmerzhafte Verluste hinnehmen wie die populäre und einst allgegenwärtige Feldlerche. Sie leidet stark unter den Folgen der heutigen, wenig ökologischen Agrarpolitik. © Mathias Schäf.
Kaum eine Vogelart musste so schmerzhafte Verluste hinnehmen wie die populäre und einst allgegenwärtige Feldlerche. Gründe dafür findet man in diversen Fokustexten. © Mathias Schäf.

Eine Bereicherung im Bücherregal

Der umfassenden und sehr informative Brutvogelatlas schafft es mit seiner simplen, systematischen Darstellung einen aktuellen Überblick über die Lebensbedingungen und Verbreitung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein zu geben. Insgesamt 345 wunderschöne Fotos, über 1400 Verbreitungsgraphiken und ganze 341 Diagramme veranschaulichen die Informationsflut sehr gut und machen die zahlreich erhobenen Daten leicht verständlich. Durch zahlreiche Informationstexte ist das Buch nicht nur ein Nachschlagwerk, sondern auch ein Vermittler von wertvolle Informationen und kann Zusammenhänge zwischen Klima, Politik, menschlichem Verhalten und dem Leben der Vögel aufzeigen.

Der neue Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016 ist ab sofort in drei Sprachversionen, neben deutsch auch auf französisch und italienisch, auf www.vogelwarte.ch und im Buchhandel erhältlich. Das Buch erhält man für 88 Franken. Das ist zwar nicht gerade billig, aber wenn man bedenkt welche Arbeit dahinter steckt und wie viele Informationen dieses Buch vermittelt, ist der Preis ganz angemessen. Zudem ist der Brutvogelatlas wohl wieder für die nächsten zwanzig Jahren das wichtigste Werk, wenn es um die Einschätzung des Zustands und der Entwicklung der Vogelwelt geht.

Knaus, P., S. Antoniazza, S. Wechsler, J. Guélat, M. Kéry, N. Strebel & T. Sattler (2018): Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Schweizerische Vogelwarte, Sempach.

1 Kommentar

  • Ferdi Projer

    Anhand des neuen Brutvogelatlas müssten Schlüsse zur Agrarpolitik abgeleitet werden. Die Bauernlobby und Politiker in Bern stecken ihre Köpfe in den Sand und fordern ungeniert weiter Milliarden an Direkt-zahlungen. Mit Gift versprühen in Monokulturen, mit Ueberdüngung und mit überzüchteten und Antibiotika vollgepumpten und enthornten Kreaturen wird weiter nach „Bio Richtlinien“ produziert.

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