Rodung und weitere Faktoren treiben den Artenverlust weiter an.
Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum treiben die Umwandlung vielfältiger Naturräume zu Agrarflächen voran - trotz verbesserter Umweltbilanz der Landnutzung. © guentermanaus, via stock.adobe

Biodiversitätskrise: Wie entscheidend ist das Bevölkerungswachstum?

  • Redaktion Naturschutz
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Das rasante Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum zerstört die biologische Vielfalt – vor allem in den Tropen. Schuld daran ist die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten, die immer neue Anbauflächen verlangt. Eine wirksame Naturschutzpolitik braucht Konzepte gegen Bevölkerungswachstum und für nachhaltigen Konsum.

Die Weltbevölkerung und Weltwirtschaft wächst. Menschen wollen Konsumgüter und Nahrungsmittel. Dadurch wird immer mehr Land benötigt, Natur wird in Äcker und Plantagen umgewandelt: eine Gefahr für die biologische Vielfalt und ihre Leistungen für den Menschen (Ökosystemleistungen), berichtet das iDiv. Die übliche Antwort der internationalen Politik ist die Steigerung der land- und forstwirtschaftlichen Effizienz mit technischen Mitteln. Nur: Reicht das aus?

Wissenschaftler unter der Leitung des Forschungszentrums iDiv und der Uni Halle haben ermittelt, wie sich die Landnutzung auf die biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen auswirkt und vor allem, wie sich diese Auswirkungen über die Jahre verändert haben. Dabei untersuchten sie, welche Rolle Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum beim Verlust von Biodiversität und Ökosystemleistungen weltweit spielen. Dazu verknüpften die Wissenschaftler Daten zu Vogelbeständen, zur Landnutzung und zur Bindung von CO2 mit ökonomischen Modellen für den Zeitraum zwischen 2000 und 2011.

Die Ergebnisse zeigen, dass wachsende Weltbevölkerung und Weltwirtschaft überall zu mehr Landnutzung führen. Dies zerstört biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen. So erhöhte sich die Zahl der durch Landnutzung vom Aussterben bedrohten Vogelarten zwischen 2000 und 2011 um bis zu sieben Prozent. Im selben Zeitraum verlor der Planet sechs Prozent seines Potenzials, CO2 aus der Luft zu binden, da die Vegetation auf den neu entstandenen Agrarflächen nicht so viel Kohlenstoff einlagern kann wie jene in ursprünglichen Ökosystemen.

Verlust der Artenvielfalt vor allem in Tropen

Der Verlust der Artenvielfalt findet fast vollständig in den tropischen Regionen statt. 2011 lebten über 95 Prozent der durch Land- und Forstwirtschaft bedrohten Vogelarten in Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien und im Pazifikraum. Die Fähigkeit der Ökosysteme zur Kohlenstoffbindung schwindet jedoch überall auf der Erde – ein Viertel des Schwundes geht auf land- und forstwirtschaftliche Nutzung von Flächen in Europa und Nordamerika zurück.

In den ersten elf Jahren des Jahrtausends dezimierte vor allem die Rinderzucht die Artenvielfalt. Gleichzeitig nahm der Anbau von Ölsaaten massiv zu, vor allem in Asien und Südamerika. «Das ist unter anderem eine Folge der verstärkten Förderung von Biokraftstoffen, die dem Klimaschutz dienen soll», sagt der Koordinator der Studie Prof. Henrique M. Pereira.

Grosser Einfluss des Welthandels auf Biodiversität

Ausserdem wollten die Forscher herausfinden, wie stark sich der Welthandel auf Biodiversität und Ökosysteme auswirkt. Fast jeder Kauf eines Nahrungsmittels beeinflusst indirekt die Natur in der Ferne. Für einen Hamburger etwa werden Rinder geschlachtet, die auf südamerikanischen Weiden stehen oder in hiesigen Ställen mit Soja aus Südamerika gefüttert werden. Dafür werden dort Wälder gerodet, die ursprüngliche Artenvielfalt wird zerstört. So lagern die entwickelten Länder 90 Prozent der durch Konsum von Agrarprodukten erzeugten Zerstörungen in andere Erdteile aus. Im untersuchten Zeitraum nahm der Konsum aber auch in anderen Weltregionen rasant zu. «Die Schwellenländer überholen die Industriestaaten gerade als Hauptverursacher des Biodiversitätsschwundes», sagt Pereira.

Die Zerstörungen pro erwirtschaftetem Dollar sind im Untersuchungszeitraum überall auf der Welt zurückgegangen: Die Landnutzung ist also effizienter geworden. «Dennoch hat die Umweltzerstörung insgesamt zugenommen», sagt Erstautorin Dr. Alexandra Marques. «Weltbevölkerung und Wirtschaft wachsen einfach so schnell, dass sie die erzielten Verbesserungen kompensieren.»

Bevölkerungswachstum entscheidender Faktor?

«Das Bild, wer den Biodiversitätsverlust verursacht, hat sich also in kurzer Zeit stark verändert», schlussfolgert Henrique Pereira. «Es ist nicht entweder der Norden oder der Süden – es sind beide.» Das sollte aus seiner Sicht in internationalen Naturschutzverhandlungen auch berücksichtigt werden.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist eine Verringerung des Bevölkerungswachstums entscheidend, um die Ziele der UN-Nachhaltigkeitsagenda umzusetzen. Das käme am Ende sowohl der Gesellschaft als auch der Natur zugute. Gleichzeitig müssten die Industrieländer stärker die Fernverantwortung bei der Zerstörung von Biodiversität berücksichtigen sowie die Auswirkungen der eigenen Klimapolitik. «Wir brauchen eine Umweltpolitik, die den Klimawandel und den Wandel der biologischen Vielfalt gemeinsam denkt», empfiehlt Pereira.

Die vollständige Studie «Increasing Impacts of land use on biodiversity and carbon sequestration driven by population and economic growth» ist im Nature Ecology & Evolution erschienen.

Festival der Natur

2 Kommentare

  • Peter Voser

    Mit einfachen Mitteln kann ICH meinen Beitrag zum Erhalten der Biosphäre leisten. Die meisten wissen das: Wenig Fleisch, kein Privatauto, nicht fliegen, in Haus mit ökologischem Betrieb ziehen. Bioprodukte bevorzugen. So würde das Wunder geschehen. Ich mache das, seit 2 Jahren, und bin 72. Also, späte Einsicht.

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  • Habegger Marie-Louise

    Wir Menschen in den reicheren Länder, die wir unser Fleisch in Läden kaufen können, anstatt es selber jagen, erlegen und auswerten zu müssen, sollten dieses Privileg hochachten und mit Verstand einsetzen! Auf diese Weise könnten/müssten weniger Tiere gezüchtet (GEZÜCHTIGT) werden: Sie hätten mehr Platz und dürften zum Beispiel ihre Hörner behalten, da die Ausrede der gegenseitigen Verletzungen durch zu wenig Platz nicht mehr gälte. Weniger Tiere würden der Angst und dem Schrecken der letzten Transporte in die Schlachthöfe, ausgesetzt. Denn ganz wichtig: AUCH IN DER SCHWEIZ SIND DEM TIERSCHUTZ OFT DIE HÄNDE GEBUNDEN, SO DASS GEWISSE TIERZÜCHTER KNAPP AM LIMIT DES GESETZES, IHRE TIERE LEIDEN LASSEN KÖNNEN!!! (Ich habe einen solchen Hof mit eigenen Augen gesehen und gefilmt!)
    Und zu guter Letzt werden mit dem Abholzen der Regenwälder nicht „nur“ die Bäume gefällt, da werden ganze Völker, Menschen und Tiere, deren Lebensraum die Wälder sind, einfach verjagt oder getötet! Und wofür? Damit wir mit gutem Gewissen Autofahren können!
    Doch leider ist dieses „gute Gewissen“ meist ungenügend nachgefragt: Heute müsste es eigentlich allen klar sein, dass nur ein kleiner Teil des Biokraftstoffes aus Abfällen stammt. Der grösste Teil stammt aus eigens dafür angelegten Palmölplantagen!!!
    Dadurch wird das Klima verändert, die Auswirkungen sind bereits überall erkennbar!
    Wir Konsumenten sollten die Inhaltsstoffe der Lebensmittel ansehen und klar auf Produkte, welche Palmöl enthalten, verzichten.
    Nur so müssten früher oder später keine weiteren Wälder, Menschen und Tiere Plantagen weichen, weil die Besitzer merken, dass der Nutzen fehlt. Auch hier geht es einmal mehr uns Geld!!!
    Eigentlich wäre hier das Bild der Ameisen auf den Kenianischen Akazien angebracht: Würden wir Menschen uns so schnell und gezielt gegen die Ermordung des Regenwaldes wehren, wie die Ameisen die Akazien gegen Elefanten und Co., und würden wir entsprechende Produkte boikotieren, könnten wir viel mehr erreichen, als derzeit getan wird!
    (Ich bin Vegetarierin, und ich verzichte auf Biskuits, Suppen und, und, und, welche Palmöl beinhalten.)

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