© Natur- und Tierpark Goldau
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Aufbruch in ein neues Leben: Shorty kehrt zurück in ihre Brutkolonie

  • Kathrin Ruprecht
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Am 7. Februar wurde Waldrappdame Shorty im Aargau bei Jonen eingefangen und in den Natur- und Tierpark Goldau gebracht. Sie war untergewichtig und hatte an beiden Flügeln eine kältebedingte Gewebeveränderung. Inzwischen ist Shorty wieder wohlauf und wird zurück nach Deutschland zu ihren Artgenossen gebracht.

Allmählich fühlt sich Shorty offenbar einsam in der Quarantänestation, berichtet der Natur- und Tierpark Goldau. Martin Wehrle, Kurator und Tierarzt des Natur- und Tierparks Goldau: «Wir freuen uns, Shorty hier im Tierpark Goldau zu betreuen. Nun wird es Zeit, sie abzuholen, denn sie sehnt sich schon nach ihren Artgenossen». Immerhin ist Shorty inzwischen bald drei Jahre alt und damit geschlechtsreif. Sie braucht einen Partner, mit dem sie hoffentlich in diesem Frühjahr Waldrappküken aufziehen wird.

Angelika Fritz, Mitarbeiterin des Waldrappteams, wird diesen inzwischen berühmten Vogel heute in Goldau abholen, um ihn zu seinen Artgenossen nach Deutschland zu bringen. Shorty wird die Reise in einer Vogeltransportbox antreten. Die Ankunft im Brutgebiet Burghausen wird sich für Shorty um einige Tage verzögern, bis die neue Brutanlage fertiggestellt ist. Einstweilen wird sie in Radolfzell am Bodensee auf sieben ihr bekannte Artgenossen der so genannten Brutgruppe treffen, die dort den Winter in einer Voliere verbracht haben.

Diese Brutgruppe besteht aus erwachsenen Waldrappen aus verschiedenen Zoohaltungen. Die Vögel haben nicht wie die anderen Waldrappe des Projekts die Zugroute erlernt. Sie können nicht selbständig migrieren und werden am 22. März, zeitgerecht vor Beginn der Brutzeit, nach Burghausen gebracht. Dort treffen sie auf die zurückkehrenden Zugvögel, brüten mit ihnen und ziehen die Nachkommen auf. Vor Beginn des Herbstzugs wird die Brutgruppe in das Wintergebiet in der Toskana transportiert.

Die Nachkommen bleiben im Brutgebiet. Sie sollen die Flugroute von ihren migrierenden Artgenossen erlernen und echte Zugvögel werden. Im Wintergebiet treffen die Vögel der Brutgruppe wieder auf die migrierenden Artgenossen und verbringen mit ihnen den Winter. In den folgenden Jahren wiederholt sich dieser Turnus.

Shorty gehört zu dieser Brutgruppe, und sie erwartet somit ein komfortables Leben. Sie bleibt in Freiheit und wird hoffentlich viele Nachkommen aufziehen. In die Schweiz wird Shorty nicht mehr zurückkehren. Johannes Fritz, Manager des LIFE+ Wiederansiedelungsprojekts: «Shorty ist ein Zugvogel und zudem ein Kolonievogel. Sie gehört über den Winter in den Süden zu ihren Artgenossen, so wird sie die Schweiz nicht vermissen. Schwerer fällt der Abschied wohl vielen Schweizerinnen und Schweizern, die Shorty als Freunde gewonnen hat».

Ganz geht der Vogel seinen Freuden nicht verloren. Die App «Animal Tracker» ermöglicht allen Interessierten, jederzeit die aktuelle Position von Shorty und ihren Artgenossen abzurufen. Zudem kann Shorty den Sommer über in ihrem Brutgebiet Burghausen in Bayern besucht werden. Dazu bietet sich im Juni eine besondere Gelegenheit: Die Waldrappe sollen ab dem Jahr 2015 auf der Burg zu Burghausen, der längsten Burg der Welt, brüten. Die Brutanlage wird im Rahmen eines «Reason for Hope» Fests am 5. Juni 2015 eröffnet. Das Programm umfasst ein Symposium, ein Picknick mit BIO-Bauernbuffet und ein Open-Air-Kino im spektakulären Rahmen der Burg. Infos zum Fest finden sich auf www.waldrapp.eu.

Der Waldrapp ist eine der am stärksten bedrohten Zugvogelarten überhaupt. Bis ins 17. Jahrhundert war er auch in Mitteleuropa heimisch, bis er durch übermässige Bejagung verschwand. Im Rahmen des von der EU co-finanzierten Artenschutz- projekts LIFE+ Projekts «Reason for Hope» mit acht Partnern aus Österreich, Italien und Deutschland soll der Waldrapp in Europa wieder als Zugvogel angesiedelt werden. Auch der Natur- und Tierpark Goldau und die Vereinigung zooschweiz unterstützen das Projekt.

Eine Wiederansiedelung in der Schweiz ist vorerst nicht vorgesehen. J. Fritz: «Es ist gut möglich, dass Shorty zum Wegbereiter einer neuen Schweizer Waldrapp- Population wird. Geeignete Lebensräume sind reichlich vorhanden». Die Schweiz ist dank des Zürcher Naturwissenschaftlers Conrad Gesner (1516-1565) ein verbürgtes historisches Brutgebiet für diese Ibisart.

Aga - Trigon Film

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