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Ein durch eine Windkraftanlage getöteter Rotmilan. | © Wikipedia

Auf kriminellem Weg zu neuen Windparks

  • Judith Schärer
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Abgesägte Horstbäume, zerstörte Nester, erschlagene Jungvögel – kriminelle Massnahmen rund um die Planung und den Bau von Windkraftanlagen treten in den letzten Jahren in Deutschland vermehrt auf. Nun wurden erstmals Zahlen veröffentlicht, welche eine neue Dimension der Gefährdung von verschiedenen Vogelarten durch Windkraftanlagen offenbaren.

Wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichtet, werden immer häufiger geschützte Horstbäume illegal gefällt und Vögel getötet, um Platz für Windenergieanlagen zu schaffen. Eine erste Auswertung von Meldungen illegaler Greifvogelverfolgung, zu denen der NABU gemeinsam mit dem Komitee gegen den Vogelmord anlässlich der Wahl des Habichts zum Vogel des Jahres 2015 aufgerufen hatte, deckt erschreckende Zahlen für Deutschland auf. In bislang 40 Fällen aus den Jahren 2010 bis 2015 besteht dringender Verdacht auf die illegale Zerstörung von Großvogelhorsten oder gar die Tötung der Vögel in Zusammenhang mit bestehenden und geplanten Windkraftanlagen.

Die nun ausgewerteten Meldungen des NABU und weitere Daten der Deutschen Wildtier Stiftung zeigen eine ganz neue Dimension der illegalen Greifvogelverfolgung im Umfeld von Windkraftanlagen. Um eine Gefährdung von Vogelarten auszuschließen, müssen für Windkraftanlagen bestimmte Mindestabstände zu den Horsten einhalten werden. Das sogenannte „Helgoländer Papier“ der staatlichen Vogelschutzwarten hat dazu erst kürzlich fachlich fundierte Werte ermittelt. Um Windkraftanlagen trotzdem bauen zu können, werden daher offensichtlich häufig Horste der Vögel zerstört. Oft wird dazu einfach der Horstbaum der betroffenen Arten abgesägt, bei anderen Fällen werden die Horste vorsichtig Zweig für Zweig abgetragen, um keine Spuren zu hinterlassen.

In mindestens einem Fall wurden Jungvögel im Nest erschlagen, wie die Deutsche Wildtier Stiftung berichtet. „Das sind keine Dumme-Jungen-Streiche, sondern Straftaten gegen streng geschützte Arten. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis“, betont Prof. Dr. Fritz Vahrenholt, Alleinvorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. „Die Tötungen und Horstzerstörungen sind eine völlig neue Dimension der Gefährdung von Tierarten durch Windkraftanlagen“, so Prof. Vahrenholt. „Biodiversität und Artenschutz werden unter dem Deckmantel der Windenergie und des Klimaschutzes gnadenlos geopfert“.

In bisher zehn Bundesländern wurden Fälle registriert. Besonders betroffen sind windkraftsensible Arten wie Rotmilan, Seeadler, Schreiadler und Schwarzstorch. Viele Fälle wurden zur Anzeige gebracht. Die Naturschützer gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Um in Zukunft Täter überführen zu können, erwägt der NABU den vermehrten Einsatz automatischer Kameras an gefährdeten Horststandorten.

 

6 Kommentare

  • Peter Schladt

    – Die genannten Zahlen an Vogelmorden (wie bedauerlich auch immer) sind doch nichts im Vergleich zum Verschwinden von Rotmilanen auf Grund der Industrialisierung der Landwirtschaft (Grünland-Umbruch, ‚Maiswüsten‘ etc.).
    – Windräder im Binnenland sind – vor allem Verglichen mit den Verhältnissen bei Kern-, Kohle- und Wasserkraftwerken – weniger in der Hand von Großinvestoren und Banken. Viele sind in Bürgerhand.
    – Nach ihrer Betriebszeit, in vielleicht 30 Jahren, sind die Windräder schnell und einfach zu entfernen. Dann dürften Solaranlangen so billig sein, dass man Windräder nicht mehr benötigt.
    – In gewisser Weise sind Windräder allerdings schlecht für Vögel: ohne sie steigt die Wahrscheinlichkeit eines Supergaus in einem der hiesigen Kernkraftwerke. Und ein Sperrgebiet von der Größe eines Viertels der Schweiz wäre durchaus verlockend für die Natur.

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  • Michael Schaad, Vogelwarte

    Die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist eine gemeinnützige Stiftung für Vogelkunde und Vogelschutz. Sie wird finanziell von Spenden aus der Bevölkerung getragen.
    In ihrem Standpunkt zum Thema Windenergie geht die Vogelwarte explizit darauf ein, dass Grossvögel (z.B. Steinadler, Weissstorch, Bartgeier, Uhu) besonders kollisionsgefährdet sind: http://www.vogelwarte.ch/de/vogelwarte/ueber-uns/standpunkte/windenergienutzung-und-vogelschutz.html
    Die Vogelwarte setzt sich dafür ein, dass die Nutzung der Windenergie vogelfreundlich erfolgt. Zu diesem Zweck erforscht sie unter anderem, wie Konflikte zwischen Windenergienutzung und Vögeln verringert werden können. Dazu gehört es auch, technische Lösungsansätze wie das aus Spanien stammende System DTBird auf seine Wirksamkeit hin zu untersuchen. Die Vogelwarte hat DTBird an einer einzelnen Windenergieanlage in Haldenstein getestet:
    http://www.bfe.admin.ch/forschungwindenergie/02512/02746/index.html?lang=de&dossier_id=06379
    Fazit: Die Distanz, in der DTBird Grossvögel erkennen kann, ist für einen effizienten Schutz dieser Vögel zu gering. Deshalb und aufgrund der hohen Zahl an Fehlalarmen bleibt die Vogelwarte gegenüber der Wirksamkeit von DTBird skeptisch. Von Begeisterung kann nicht die Rede sein.

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  • Hans

    >>>>> radargesteuerte Abschaltung bei Vogelzug

    Wie Sie es schon wahrscheinlich wissen, funktionieren diese Systeme kaum -> Berichte aus den USA oder Norwegen.

    >>>>> die Vogelwarte Sempach Vogel-Schutz-Massnahmen bei der neuen Windturbine begeistert ist

    Die Vogelwarte Sempach Kompetenz im Bereich Windkraft ist sehr fragwürdig. Sie führt eine irreführenden Strategie die nur Ihre finanzielle Interesse vertret. Ja es geht um Millionen CHF für sie. Die Vogelwarte hat behauptet dass hauptsächlich kleinvögel gefährdet sind (->viele Studien und viele CHF). Deutschland und die Welt fokussieren auf grosse Vögel und sie haben schon früher sehr viele Studien durchgeführt. Was stimmt nicht ?

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  • Andreas

    Dieser Bericht ist in meinen Augen eine zielich heftige Panikmache, welche eine recht billige Windradhetze darstellt. Ich mag Vögel sehr und will sie auch schützen. Ich bin sehr dafür, dass bei Windanlagen Schutzmassnahmen getroffen werden (z.B. radargesteuerte Abschaltung bei Vogelzug). Wenn Anlagenbauer tatsächlich Horste und Nester zerstören ist das sehr betrüblich. Aber das angetönte Ausmass von acht zerstörten Nestern pro Jahr in ganz Deutschland, wo hunderte von Windrädern gebaut werden, scheint mir kaum der Rede wert. Die Windanlagen müssen deshalb noch nicht bekämpft werden, der Nutzen, den sie bringen ist viel grösser. Suchen wir doch besser den Dialog zwischen beiden Seiten und kämpfen für eine saubere Umwelt mit grosser Artenvielfalt. Für mich ist dieser Artikel allzu reisserisch und gehört nicht auf naturschutz.ch.

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    • Kurt

      Suchen wir doch besser den Dialog… Was für ein ehrenhafter und intelligenter Voschlag! Lieber Andreas, welchen Dialog, mit welchem Inhalt und mit wem? Führen Sie den Dialog oder wer sollte ihn führen. Ich verzichte darauf noch mehr Fragen in den Raum zu stellen. Sind Sie sich bewusst, wer dieser Dialogpartner sein könnte? Das sind grosse Stromkonzerne und Kommunen welche viel Geld verdienen. In der zweiten Reihe befinden sich die grossen Banken, die sogenannten Finanzierer dieser Grossprojekte und in der dritten Reihe Millionen von Egoisten, denen die Natur am Arsch vorbeigeht, wenn nur ihre Bedürfnisse nach Strom gedeckt sind.
      Das ist die Realität. Und Sie wollen Dialoge führen. Ich würde mich wundern, wenn Ihnen auch nur ein Mensch aus diesem Moloch zuhören würde. Viel Glück!

  • Arnold Locher

    Hallo Frau Schärer, in Ihrem Boulevard-Bericht „Auf kriminellem Weg zu neuen Windparks“ blenden Sie den Untertitel „Komitee gegen den Vogelmord“ ein, welcher sich aber in 17 beschriebenen und mit Fotos dokumentierten Fällen mit illegalem Handel und Fallenstellen befasst, – jedoch kein einziger Hinweis auf Windturbinen zu finden ist. Zum Beispiel Fall „Malta“ wo pro Jahr 33’000 Finken und viele weitere tausend Vögel in Netzen gefangen werden dürfen und möglicherweise ein X-Faches noch illegal dazu kommt – aber nicht als Folge von Windturbinen! Solche Berichterstattung ist nicht seriös und schon gar nicht mit einem Bild eines einzigen getöteten Rotmilans, der möglicherweise von einer Krähe angefallen wurde – zu dokumentieren. Auch Sie wissen, dass sogar die Vogelwarte Sempach von den neuen Vogel-Schutz-Massnahmen bei der neuen Windturbine in Calanda begeistert ist und es auch für Sie sinnvoll wäre, die neue Technik zu fördern und zur Nachbesserung alter Anlagen einzustehen statt mit stets neuen Gesetzen und Verboten die Stromversorgung der Schweiz zu behindern. Denn eines steht fest: Wenn es an Strom mangelt, dann wird in Oelheizungen investiert, und wenn beim Transport von Rohöl bei Schiffshavarien Millionen von Vögel und Meerestieren zu Grunde gehen, ist Ihnen offensichtlich egal.
    Arnold Locher
    solar-gruppe-mittelland.ch

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