© Kurt Zwahlen [CC-BY-SA-3.0], via flickr
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Alpen: Nur einer von zehn Flüssen ist noch unbeeinträchtigt

  • Roman Vonwil
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89 Prozent aller Flüsse im Alpenbogen wurden in den letzten 150 Jahren begradigt, verbaut oder sonst in ihrer ökologischen Funktion gestört. Das zeigt eine im Auftrag des WWF erstellte Studie.  Die Schweiz schneidet im europäischen Vergleich schlecht ab.

In der wissenschaftlichen Studie “Save the Alpine Rivers” hat die Wiener Universität für Bodenkultur im Auftrag des WWF erstmals die Fliessgewässer im ganzen Alpenbogen analysiert und Daten aus Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz ausgewertet. Untersucht wurden alle Alpenflüsse mit einem Einzugsgebiet von über zehn Quadratkilometern – also insgesamt 57‘000 Flusskilometer. Die Studie zeigt klar: Die alpinen Fliessgewässer sind in einem dramatischen Zustand, denn 89 Prozent der Flüsse sind beeinträchtigt.

Die Schweiz schneidet dabei im Vergleich schlecht ab: Kein anderes Land nutzt seine Gewässer so intensiv. So gibt es bei uns zum Beispiel rund 1500 Kraftwerke, und rund 150‘000 künstliche Schwellen sorgen für veränderte Flussdynamik. Dies hat auch einen Einfluss auf Wassertiere und -pflanzen: Sie sind in der Schweiz im europäischen Vergleich stärker bedroht.

“Intakte Flüsse, Bäche, Feuchtgebiete und Auen versorgen uns mit sauberem Wasser und leisten unverzichtbaren Hochwasserschutz”, sagt Christopher Bonzi, der Leiter des Wasserprogramms beim WWF Schweiz. „Wir dürfen sie deshalb nicht nur als Energielieferanten betrachten. Die letzten Gewässerperlen müssen dauerhaft geschützt werden.“ Doch in der Schweiz sei der Schutz der letzten natürlichen Gewässer noch schlechter als in der EU. Während die EU ein explizites Verschlechterungsverbot für wertvolle Gewässer kennt, werden in der Schweiz weiterhin Kleinwasserkraftprojekte mit Fördergeldern unterstützt – und das ausgerechnet an den letzten ökologischen und landschaftlichen Gewässerperlen, wie zum Beispiel der Sense.

Solche Kleinwasserkraftwerke produzieren in der Regel jedoch sehr wenig Strom und sind deshalb für die Energiewende nicht ausschlaggebend. „Wir stehen an einem Scheideweg und müssen uns entscheiden, welchen Stellenwert wir natürlichen Fliessgewässern und der aquatischen Biodiversität einräumen wollen“, sagt Bonzi. „Die Schweiz ist heute schon Europameisterin im Nutzen der Wasserkraft: Über 90 Prozent des Potentials wird genutzt.“

Der WWF empfiehlt deshalb, die bestehenden Werke zu sanieren und ihre Leistungsfähigkeit zu vergrössern. Das hat gegenüber dem Neubau von Kleinkraftwerken entscheidende Vorteile. Das Flusskraftwerk Rheinfelden zum Beispiel wurde umfassend saniert. Es liefert heute mehr als doppelt so viel Strom und ist mit dem Neubau eines Umgehungsgewässers erst noch ökologischer geworden.

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