Admiral   |   © Barbara Kümin
Admiral | © Barbara Kümin

Zeit der „Zug-Sommervögel“!           

  • Barbara Kümin
  • 1

Ich kann mir normalerweise Daten von Ereignissen in der Vergangenheit eher schlecht merken. Eine Ausnahme bildet der Frühling 2009. Grund dafür waren „Zug-Sommervögel“, bzw. Wanderfalter, wie man sie korrekt nennt.

Wanderfalter gelten als die Zugvögel unter den Schmetterlingen. Am bekanntesten sind dabei wohl die Wanderungen der Monarchfalter in Nordamerika. Ihr Wanderzug erstreckt sich vom Überwinterungsgebiet in Mexiko bis nach Kanada. In einem Jahr fliegen dabei mehrere Generationen von Süden nach Norden, die letzte Generation dann in einem Rutsch von Norden zurück nach Süden. Das ist eine Strecke von ca. 4‘000 km! Diese unglaubliche Leistung von einem so filigran wirkenden Insekt fasziniert nicht nur mich.

Wanderfalter-Arten gibt es auch bei uns in der Schweiz. Zu den tagfliegenden Arten gehören in erster Linie der Admiral und der Distelfalter. Bei den Nachtfaltern gehören auch einige Schwärmer in diese Gruppe, darunter der Totenkopfschwärmer und das Taubenschwänzchen. Ihnen allen wird unser Winter zu kalt, und sie fliehen vor der kalten Jahreszeit in wärmere Gefilde nach Südeuropa oder Nordafrika. Im Frühling machen sich ihre Nachkommen bzw. die Nachkommen der Nachkommen wieder auf den Weg zu uns in den Norden.

Was war nun im Frühling 2009?

Der April/Mai 2009 ist mir in Erinnerung geblieben wegen der Distelfalter. Man konnte damals während mehrerer Wochen Distelfalter auf dem Zug nach Norden beobachten. Und zwar nicht einfach hier mal einen Falter und dort mal einen, oh nein! Ich erinnere mich, dass ich auf meinem Balkon in Kloten stand und hinausschaute. Ein Distelfalter flog zielstrebig an unserem Haus vorbei. Da, noch einer und dort auch. Oh, und keine 5 Sekunden ein weiterer und da und dort und… – Mir klappte richtiggehend der Kiefer nach unten: im Abstand von einigen Sekunden flogen die Falter alle in dieselbe Richtung am Haus vorbei. Das war auch nicht nur zu diesem Zeitpunkt so, sondern während Tagen und Wochen. Egal wo ich mich aufhielt, überall flogen Distelfalter. Alle flogen mit dem typischen „Wanderflug“, also nicht gaukelnd wie sonst von Blüte zu Blüte, sondern geradeaus und schnell. Sie flogen im Schnitt nur wenige Meter über dem Boden. Hindernisse wurden ohne Pause über- und umflogen, dabei hielten alle dieselbe angepeilte Flugrichtung. Es wirkte, als hätten sie alle denselben enorm wichtigen Termin, den sie nicht verpassen durften.

Distelfalter  |  © Eugen Störchli
Distelfalter | © Eugen Störchli

Was war denn so speziell am April 2009, wieso geschieht das nicht jedes Jahr? Es geschieht natürlich jedes Jahr, allerdings nicht in diesem Ausmass. Wer sich achtet, wird bestimmt im April oder jetzt wieder im September/Oktober ziehende Tagfalter beobachten können. Die Massenwanderung der Distelfalter wurde im Übrigen nicht nur von mir beobachtet sondern wurde überall in Europa bemerkt. Die Ursache war eine Kombination von günstigen Umständen für den Distelfalter: die Wintersaison in Nordafrika, wo die Falter überwintern verlief äusserst erfolgreich. Es fiel sehr viel Regen und die Futterpflanzen der Raupen gediehen überdurchschnittlich gut. So konnten sich die Falter enorm vermehren. Im Frühling dann herrschte über Europa eine südliche Höhenströmung vor, die den Schmetterlingen beim Zug nach Norden half. In der Schweiz hatten wir zu dieser Zeit eine anhaltende Föhnströmung über die Alpen: ein warmer Rückenwind auf der Reise, was will man mehr? ;-)

Man schätzt, dass die Zahl der wandernden Distelfalter im Frühling 2009 insgesamt in die Milliardenhöhe ging…

Wer mehr darüber wissen möchte, kann unter den Stichworten „Distelfalter Invasion 2009“ weitere Berichte im Internet finden.

Aktuell fliegen sie wieder! Wer jeweils Ende September bis Mitte Oktober im Freien darauf achtet, kann sie sehen: ziehende Distelfalter und Admirale. An denselben Passübergängen in den Bergen, wo Ornithologen zu dieser Zeit die gefiederten Zugvögel beobachten, lassen sich auch Wanderfalter in grosser Zahl erspähen. Aber wie gesagt, es ist gar nicht nötig, sich dazu gross in die Berge zu begeben. Mit ein bisschen Aufmerksamkeit lassen sich die Zug-Sommervögel problemlos auch in unseren Städten und Dörfern beobachten. :-)

1 Kommentar

  • Karl Bürgi

    Der Beitrag ist anschaulich, interessant und leicht flüssig geschrieben mit wertvollem Informationsgehalt. Danke!

    Antworten

Beitrag kommentieren