Blog-Eintrag November 2015
© Beatrix Mühlethaler

Totes Holz lebt                                                                  

  • Beatrix Mühlethaler
  • 3

Asthaufen im Garten dienen vielen Tieren als Refugium. An der Natur interessierte Menschen wissen das inzwischen. Weniger bekannt ist, wie gross und vielfältig die Lebensgemeinschaft ist, die vom Holz selbst lebt. Sterbendes Holz in jeder Form sollte deshalb im Garten bleiben: absterbende Bäume, Baumstrünke und verrottende Holzprügel.

Blog-Eintrag November 2015
Blühende Reifweide | © Beatrix Mühlethaler

Bevor die Reifweide in unserem Garten abstarb, sorgte ihre Blüte jeden Frühling für Hochgefühle: Wenn rundum noch alles kahl war, leuchteten an sonnigen Tagen die silbrigen Kätzchen vor dem blauen Himmel. Sobald sie blühten, summten zahlreiche Bienen, die bereits im März Futter suchten, um die gelben Pollenkissen. Als die Weide zu kränkeln anfing und dann nicht mehr austrieb, war ich konsterniert. Spuren wie zum Beispiel Käferlöcher, die ihr Ableben erklärt hätten, sah ich keine. Im Bewusstsein, dass auch dieses Stadium ökologisch wertvoll ist, liess ich den Baum, nur etwas zurückgestutzt, in der Hecke stehen. Das sah nicht besonders schön aus. Aber als nach einiger Zeit Pilze sprossen und ein Buntspecht regelmässig am Holz herumhackte, wurde daraus eine auch ästhetisch spannende Holzskulptur.

Blog-Eintrag November 2015
Tote Reifweide | © Beatrix Mühlethaler

Der Specht brachte es an den Tag: Hier hausten Käferlarven und verköstigten sich vom Holz. Ein Insekt hatte offenbar die bereits kränkelnde Weide als Ablageplatz für seine Eier gewählt. Welche Art es war, bleibt mir verborgen. Fachleute können die vorhandenen Arten oft an ihren Besiedlungsspuren erkennen. Vielleicht hilft also eine Fachfrau oder ein Spezialist weiter, wenn sie diesen Gartenblog anschauen: Welches Insekt hinterlässt beispielsweise ein solch perfektes rundes Loch in einem am Schatten gelegenen Wurzelstrunk einer Fichte?

Blog-Eintrag November 2015
Loch in einem Holzstrunk | © Beatrix Mühlethaler

Zahlreiche Spuren von Leben zeigen auch die dicken alten Triebe der Heckenkirsche. Gemäss Fachliteratur gibt es einen Spezialisten, der als Wiege für seine Nachkommenschaft ausschliesslich die Heckenkirsche wählt, den Geissblatt-Linienbock. Einen Beleg für diesen Bewohner in Form eines ausgewachsenen Käfers bekam ich im Garten aber nie zu Gesicht.

Blog-Eintrag November 2015
Heckenkirsche | © Beatrix Mühlethaler

Auch eine weitere Weide wird offenbar intensiv genutzt. Das lässt sich zumindest aus ihrer durchlöcherten Rinde schliessen. Trotzdem ist sie bis heute am Leben geblieben, hat nach einem Rückschnitt neue Triebe gebildet und bereichert sicher auch noch den nächsten Frühling.

Blog-Eintrag November 2015
Weidenstamm | © Beatrix Mühlethaler

Zufällig stiessen wir eines Tages auf eine heisse Spur, wer sich hier gross und fett gefressen haben könnte. Eine riesige Raupe, die im Gras unterwegs war, namens Weidenbohrer. Der Fund hätte mich eigentlich beunruhigen müssen, folgere ich jetzt aus der Konsultation von Gartenliteratur. Demnach ist dieses Tier ein schlimmer Schädling.

Blog-Eintrag November 2015
Weidenbohrer-Raupe | © Beatrix Mühlethaler

Zwar lege der Weidenbohrer-Falter seine Eier bevorzugt in Rindenrisse von krankem und totem Holz, heisst es auf www.gartenlexikon.de. Da man dieses aber meist nicht im Garten belasse, wähle er als Alternative auch gesundes Holz. Trotz dieser Feststellung wird geraten, befallenes Gehölz samt dem Wurzelstock aus dem Garten zu entfernen. Befolgt man diesen Ratschlag, müssen sich zufliegende Falter dann tatsächlich an gesunden Bäumen vergreifen. Die Argumentation erinnert mich an die – widerlegte – Behauptung, Waldreservate dienten als Brutstätten für Borkenkäfer und seien deshalb gefährlich für umliegende Wälder. Man vergisst dabei, dass alle Insekten in einer vielfältigen Umgebung auch ihre Widersacher haben. In meinem Garten könnte beispielsweise die Elster der Grossraupe den Garaus machen.

Ganz sicher bin ich übrigens nicht, dass es wirklich die Weidenbohrer-Raupe ist, die sich in meiner Weide eingenistet hat. Denn Essiggeruch, der eindeutig auf ihr Vorkommen hinweisen soll, konnte ich nicht erschnüffeln. Ferner gibt es andere Insekten, die ihre Nachkommen im weichen Holz der Weide heranwachsen lassen. Dazu gehört der wunderschöne Moschusbock.

Blog-Eintrag November 2015
Moschusbock | © Beatrix Mühlethaler

Den Moschusbock habe ich einige Male zur Sommerzeit im Garten angetroffen. Seine Larve verbringt zwei bis drei Jahre im Holz fressend, bis sie zum ausgewachsenen Käfer wird. Dieser nascht Pollen an grossen Doldenblüten und saugt Säfte an Bäumen. Oder er bedient sich an angefressenem Obst und lässt sich dabei auch von der Fotografin nicht stören.

Blog-Eintrag November 2015
Moschusbock auf Obst | © Beatrix Mühlethaler

Weitere Insekten, die Holz als Basis brauchen, sind der Rosenkäfer und der Pinselkäfer. Ihre Larven entwickeln sich in verrottendem Holz, wobei der Engerling des Rosenkäfers sich oft auch im Kompost gut entwickelt. Wenn sie dann als ausgewachsene Käfer auf Blüten zu Gast sind, kann man sich über ihre Metamorphose zu einem so schönen Geschöpf wundern und freuen.

Blog-Eintrag November 2015
Pinselkäfer | © Beatrix Mühlethaler

Auf Holz angewiesen ist auch eine weitere auffällige Blütenbesucherin, die dunkelblaue Holzbiene. Diese grosse Wildbiene besucht gerne Schmetterlings- und Lippenblütler, in meinem Garten bevorzugt den Muskatellersalbei, die breitblättrige Platterbse und die Kefen. Für ihre Brut nagt sie ein tiefes Loch in trockenes, sonnenexponiertes Holz. Zahlreiche Wildbienen – grosse und kleine – nutzen hingegen die von Käfern gebohrten Gänge, um darin ihre Eier abzulegen.

Blog-Eintrag November 2015
Blaue Holzbiene | © Beatrix Mühlethaler

So nutzen Tiere Holz teils als Wohnstruktur, teils als Nahrung – und oft beides. Es ist eine riesige Zahl mehrheitlich heimlicher Organismen, die vom Holz leben, es dabei abbauen und als Bestandteil des Bodens wieder in den Kreislauf der Erde zurückführen. Jedes Stadium des Holzes vom Leben zum Tod und zum endgültigen Zerfall hat dabei eine unterschiedliche Bewohnerschaft. Diese unterscheidet sich zudem abhängig davon, ob am Standort Sonne oder Schatten dominiert und ob das Holz noch als Stamm dasteht oder ob es liegt. Innerhalb dieser Gemeinschaft aus Bakterien, Pilzen, Insekten und anderem Kleingetier bestehen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten, wie man sie besser von den Bestäubern und ihren Blüten kennt. Das Werk dieser Gemeinschaft kann sehr ästhetisch aussehen:

Blog-Eintrag November 2015
Pilzgärtchen auf Holz | © Beatrix Mühlethaler

Am Anfang des Abbaus von Holz stehen Pilze und Bakterien. Denn nur wenige Insektenarten können Zellulose ohne fremde Hilfe abbauen. Sie sind somit auf Vorarbeiter angewiesen, die das Holz vorgängig zersetzen, damit sie es verdauen können. Die Pilze dienen anderseits ebenfalls als Wohnraum für spezialisierte Insektenarten. Mit von der Partie sind ferner Räuber und Parasiten, beispielsweise Schlupfwespen.

Im Lauf des Zersetzungsprozesses ändert sich die Bewohnerschaft laufend. Deshalb braucht es für die jeweiligen Spezialisten im nahen Umkreis ein kontinuierliches Angebot an besiedelbarem Holz, das heisst Holz in allen Stadien des Lebens und Zerfalls, an der Sonne und im Schatten. Das kann auch Holz sein, das in irgendeiner Funktion im Garten zum Einsatz kommt, also gleichzeitig dem Menschen dient. Zum Beispiel Rindenschnitzel auf dem Weg.

Blog-Eintrag November 2015
Pilze auf Rindenschnitzeln | © Beatrix Mühlethaler

Pilze und Tiere können auch unbehandelte Zäune, Stickel, Bänke und Tische, die der Mensch für seine Zwecke im Garten platziert hat, mitnutzen. Klar geraten diese Gegenstände irgendwann ans Ende ihrer Funktionstüchtigkeit. So mussten wir nach vielen Jahren eine hölzerne Sitzgruppe aufgeben, weil die Ameisen unter unserer Sitzfläche zu dominant wurden. Es handelte sich dabei um Stämme von Bäumen, die dem Haus hatten weichen müssen und die wir behalten wollten. Wir erlebten sie als spannende Sitzelemente, die sich im Lauf der Jahre veränderten und so immer etwas zu schauen gaben.

Blog-Eintrag November 2015
Sitzgruppe aus Holzstämmen | © Beatrix Mühlethaler

3 Kommentare

  • Leuenberger E.

    Guten Abend,
    ,,,zur Reifweide, wurde sie vor dem absterben stark geschnitten ?
    Dies erträgt diese Weide nicht. Allen andern Weidenarten macht ein starker Rückschnitt nichts. Aber bei der Reifweide darf man nicht starke, und grobe Äste aufs Mal wegschneiden,,,, als Imker , Förster, und Weiden-Sammler
    Gruss
    E.Leuenberger

    Antworten
  • Karl Bürgi-Meyer

    Das „Pilzgärtchen auf Holz“ sollte richtigerweise heissen „Flechtengärtchen“. Denn die abgebildeten Organismen sind Flechten, genauer „Trompeten-Becherflechten“. Flechten sind zwar auch Pilze, sie sind aber mehr: nämlich Doppelwesen aus Pilz und Algen. die in einer Lebensgemeinschaft (Symbiose) leben. Mit dem im nachfolgenden Text erwähnten „Abbau des Holzes“ haben die Flechten nichts zu tun, denn sie benützen das Holz bloss als Halt, als Unterlage, der sie keine Nährstoffe entziehen. Das Doppelwesen Flechte bildet eine autonome Ernährungsgemeinschaft: die Alge liefert dem Flechtenpilz den notwendigen Zucker, der Flechtenpilz verschafft der Alge das Wasser. Die fotografierten Becher-Flechten entziehen dem Holz keine Nährstoffe und bauen somit das Holz nicht ab!

    Antworten
    • Beatrix Mühlethaler

      Vielen Dank, dass Sie den Beitrag mit Ihrem Fachwissen bereichert haben. Ich wusste nicht, dass Flechten pilzförmig sein können. Da lerne ich – und wohl weitere Leserinnen und Leser – etwas dazu.
      Beatrix Mühlethaler


Beitrag kommentieren