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„Nudges“ – Entscheidungshilfe oder Manipulation?

  • Judith Schärer
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Nachhaltige und umweltschonende Verhaltensweisen scheinen dem rational denkenden Homo sapiens manchmal unverständlich. Welchen Nutzen habe ich langfristig, wenn ich weniger Auto fahre, das Licht ausknipse oder Strom aus Windenergie beziehe? Eine Änderung in unseren Gewohnheiten findet deshalb nicht automatisch statt, sondern braucht manchmal einen kleinen Anstoss, einen „Nudge“. Doch – stellen solche Massnahmen, welche auch im ökologischen Bereich existieren, eine Manipulation der Verbraucher dar?

Unser Gehirn tendiert grundsätzlich bei einer Entscheidung dazu, alles beim Alten lassen zu wollen. Der Mensch wählt also nicht zwangsläufig die für ihn rational beste Alternative sonder entscheidet aufgrund seines Informationsstandes, der Zeitverfügbarkeit, seiner Bequemlichkeit oder aufgrund des menschlichen Herdentriebs. Zudem entscheiden wir oft aus dem Moment heraus, an wirtschaftliche und ökologische Konsequenzen in der Zukunft denken wir dabei nicht. Aufgrund dieser Erkenntnis entstand die Idee des Nudges.

Ein Stupser zur Nachhaltigkeit

Ein Nudge (engl. für Stups oder Schubs) ist eine Methode, das Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen. Diese Definition geben der Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein in ihrem Buch zu diesem Thema, welches den Begriff des Nudges grundsätzlich geprägt hat. Sie gehen davon aus, dass menschliche Entscheidungen nur begrenzt rational und oft auch durch den Kontext bestimmt sind. Diesen so zu verändern, dass Entscheidungen zugunsten des Allgemeinwohls gefällt werden, ist das Ziel des Nudges.

Als Beispiel dafür nennen die Autoren das Studienergebnis einer Forschungsgruppe in Kalifornien. In dem Städtchen San Marcos bekam jeder Haushalt zur monatlichen Stromrechnung zusätzlich die Information, wie hoch die Rechnungen ihrer Nachbarn waren. Hatten sie diesen Vergleichsmassstab, änderten sie ihr Verhalten. Lag ein Haushalt über dem Durchschnitt, begann dieser, Energie zu sparen. Lag der Energiekonsum unter dem Schnitt, wurde etwas mehr verbraucht. Belohnte man die Genügsamen, blieb auch ihr Energiekonsum gering. Als Antrieb dafür reichte bereits ein Smiley auf ihrer Rechnung.

Solche Massnahmen sehen auch Schweizer Politiker als grosses Potential. Oftmals fallen unsere Entscheidungen zu Missgunsten der Umwelt aus, da wir einfach zu wenig informiert sind. Beispielsweise unterschätzen viele Haushalte das Potential von Energieeinsparungen weil sie abstrakt und schwierig zu berechnen sind. Eine Energieetikette, die klar verständlich über den Energieverbrauch informiert, stellt deshalb eine sinnvolle Massnahme dar. Bereits erfolgreich umgesetzt wird das Nudging seit 2006 beim Stadtzürcher EWZ. Statt sich bewusst für Ökostrom zu entscheiden, erhalten die EWZ-Kunden diesen beim individuellen Verbrauch automatisch und müssen sich bewusst für den konventionellen Strom aussprechen, wenn sie diesen wünschen.

Nudges als Bevormundung der Bevölkerung?

Die Kritiker der Methode sehen Nudges als eine Bevormundung der Verbraucher und als Eingriff in ihre persönliche Wahlfreiheit. Der Staat oder der Anbieter lege fest, was erstrebenswert sei und was nicht und zwinge somit der Bevölkerung eine Meinung auf. Somit würde den Menschen vorgeworfen, sie seien nicht fähig, selbstständig eine gute Entscheidung zu treffen. Die Nudging-Gegener sehen die Methode als ein Herumschubsen in eine vordefinierte Richtung.

Wo genau liegt nun der Unterschied zwischen einem hilfreichen Schubs und einer erzwungenen Handlung oder einer Manipulation? Die Manipulation zeichnet sich durch eine undurchsichtige, unehrliche Grundlage aus. Durch verschleierte Zielsetzungen oder Fehlinformationen wird der manipulierten Person etwas aufgedrängt. Die Nudges sollen aber nicht ein Aufzwingen sondern eine Entscheidungshilfe darstellen. Die Ziele werden dabei immer transparent offen gelegt und die Einzelperson hat jederzeit die Wahl, sich frei zu entscheiden. Deshalb wird darin auch viel Potential vermutet: im Gegensatz zu Geboten oder Verboten wird durch Nudges die Freiheit viel weniger eingeschränkt und wirkt so definitiv attraktiver.

Die Politik sollte darum viel mutiger und entschlossener solche Entscheidungshilfen einführen und umsetzen! Wir als Verbraucher sollten im Gegenzug, anstatt uns immer gegen alles Neue zu sträuben und uns in unserer Freiheit eingeschränkt zu sehen, offener werden und ein ungewohntes Angebot einfach einmal annehmen. Auch, wenn sich rational für uns vielleicht kein direkter Vorteil daraus ergibt, dann wenigstens der Umwelt zuliebe.

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