© CIFOR [CC-BY-SA-3.0], via flickr
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Naturschutz auf Kosten indigener Gemeinschaften?

  • Roman Vonwil
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In Indiens Kanha-Tigerreservat wurden Gemeinden der indigenen Baiga und Gond zwangsumgesiedelt, wie die Organisation Survival International berichtet. Mit diesem Ausschluss von der traditionellen Nutzung des Waldes verlieren die indigenen Gemeinschaften auch ihre Lebensgrundlage. Die Vertreibung und Zwangsumsiedlung der Baiga und Gond steht dabei beispielhaft für einen Konflikt, der sich mit der Erweiterung des weltweiten Netzes aus Naturschutzgebieten verschärfen wird.

Immer mehr Naturschutzgebiete werden weltweit errichtet, zunehmend auch in Ländern des globalen Südens. Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung durchwegs positiv, denn gerade in diesen Ländern liegen viele schützenswerte und bisher kaum beeinträchtigte Ökosysteme, wichtige Habitate und Biodiversitätshotspots, die es aus globaler Perspektive zu schützen und zu erhalten gilt – insbesondere angesichts des weltweiten Artenschwunds und im Kontext des Klimawandels.

Das Interesse der Weltgemeinschaft am Schutz intakter und weitgehend unberührter Ökosysteme übt massiven Druck auf indigene Gemeinschaften aus, deren Lebensgrundlagen oft auf der direkten Nutzung der vorhandenen Natur basieren. Denn das Errichten von Naturschutzgebieten ist oftmals primär ausgelöst und motiviert durch die globale Absicht bedeutende Naturwerte zu erhalten. Selten entstehen die Schutzgebiete auf Verlangen und im direkten Interesse der lokalen Bevölkerung, und selten wird diese folglich in die Prozesse zur Errichtung und Sicherung der Schutzgebiete genügend eingebunden. Die Gemeinschaften werden von ihren traditionellen Nutzungsformen ausgeschlossen und verlieren damit nicht nur ihre materiellen Lebensgrundlagen sondern auch ihre soziale und kulturelle Verankerung. Es ist nicht verwunderlich, dass Konflikte entstehen, in denen schliesslich die Interessen der mächtigeren Seite auf Kosten der schwächeren Gruppe auch gewaltsam durchgesetzt werden.

Der Erhalt von Ökosystemen und Naturwerten und deren lokale Nutzung durch indigene Völker sind jedoch nur scheinbar diametral entgegengesetzte Anliegen. Denn auf der einen Seite liegen der Schutz der Gebiete vor ausbeuterischer Nutzung und der langfristige Erhalt der Ökosysteme durchaus auch im Interesse der lokalen Gemeinschaften. Das Errichten eines Schutzgebietes kann helfen, die Rechte indigener Gruppen zum Beispiel gegenüber Bergbaukonzernen durchzusetzen. Auf der anderen Seite hat die lange traditionelle Nutzung der Ökosysteme die Naturwerte bisher kaum degradiert, und die indigenen Gemeinschaften haben gerade aus dieser heraus auch eigene Konzepte für den Schutz der Natur entwickelt. Es ist nur schwer nachvollziehbar, weshalb traditionelle Nutzungsformen nun ausgeschlossen werden müssen, nur damit die festgelegten Vorgaben globaler Schutzgebietskategorien erfüllt sind. Naturschutz soll nicht mit einem imperialistischen Gestus vorangetrieben werden.

Das Respektieren indigener Interessen an der traditionellen Nutzung der Natur stellt keine Grenze des Naturschutzes dar. Vielmehr ergeben sich daraus durchaus Synergien und wertvolle Strategien für den langfristigen Erhalt der Ökosysteme im globalen Süden. Hier stehen aber gerade wir in der Verantwortung – denn wir müssen dafür sicherlich von unseren Konzepten, die wir aus unserer eigenen Erfahrung entwickeln, absehen und uns zuallererst auf den Standpunkt der lokalen Bevölkerung einlassen.

Lesenswerte Beiträge zum weiterführenden Themenbereich indigene Völker und Ökotourismus gibt es übrigens in einem Blog von fairunterwegs.ch.

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