Garten im Frühling. © Beatrix Mühlethaler
Garten im Frühling. © Beatrix Mühlethaler

Lieber heimische als unheimliche Blumen wählen

  • Beatrix Mühlethaler
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Motivierte Gartenmenschen kennen das: Im Frühling keimt die Lust auf neue Stauden. Meist erschliesst sich dann erst später, ob der mit viel Vorfreude getätigte Kauf auch gescheit war. Wenn sich beispielsweise eine Zierblume als Killerpflanze entpuppt, weicht die Begeisterung dem Entsetzen.

 

Leider immer noch beliebt: die Hybrid-Forsythie. © Beatrix Mühlethaler
Leider immer noch beliebt: die Hybrid-Forsythie. © Beatrix Mühlethaler

Sie blüht und blüht, seit Jahren, jeden Frühling wieder, in jedem durchgrünten Quartier: die Forsythie. Dabei hat die übliche Hybridzüchtung neben der Farbe nichts zu bieten. Kein Tier mag ihre Blätter, keines findet bei ihr Nektar. Im Herbst ist es dann die kanadische Goldrute, die wegen ihrer gelben Blütenpracht immer noch in vielen Gärten steht – obwohl hinlänglich bekannt ist, dass sie überall in der Natur wuchert und damit heimische Pflanzen verdrängt. Zierblumen können aber auch gänzlich unerwartete, schlimme Folgen zeitigen. Welch ein Schock, wenn sich eine hübsche Zierpflanze plötzlich als Killerblume entpuppt! Die Rede ist von einer rosaroten Nachtkerze, die im Gartenhandel erhältlich ist: die Oenothera speciosa.

Mit ihren duftenden rosa Blüten verleitet diese Zierpflanze zum Kauf. © Beatrix Mühlethaler
Mit ihren duftenden rosa Blüten verleitet diese Zierpflanze zum Kauf. © Christine Dobler Gross

Die hübsche rosa Nachtkerze kann Insekten, die ihren duftenden Schlund anfliegen, kidnappen und festhalten, bis sie tot sind. Opfer sind oft die Taubenschwänzchen, die den süssen Nektar saugen wollen, wie die Gartenautorin Ute Studer im Bioterra-Magazin berichtet hat: «Der Falter konnte offensichtlich seinen Rüssel nicht mehr zurückziehen, stemmte sich mit aller Kraft gegen die Blüte, wurde immer schwächer und hing dann leblos in der Blüte.» (Bioterra Sept./Okt. 2016) Der Saugrüssel des Schwärmers habe sich in Haaren am Kelchschlund verhakt. Das Trauerspiel wäre weitergelaufen, hätte die aufmerksame Beobachterin den nächsten Falter nicht befreit und die Blume dann verbannt. In der Gartenliteratur wird die rosa Nachtkerze mit dem Sortennamen Siskiyou fatalerweise als stark duftender Anziehungspunkt für Tag- und Nachtfalter sowie als hervorragende Bienenweide für den naturnahen Garten angepriesen. Vielmehr ist vor der tödlichen Attraktivität zu warnen, die diese kalifornische Blume fern der Heimat entfaltet!

Auch Christine Dobler Gross wurde Zeugin, wie ein Taubenschwänzchen der hübschen Blume zum Opfer fiel und hat es fotografisch festgehalten. © Christine Dobler Gross
Auch Christine Dobler Gross wurde Zeugin, wie ein Taubenschwänzchen der hübschen Blume zum Opfer fiel und hat es fotografisch festgehalten. © Christine Dobler Gross

Zierstauden sind ein unkalkulierbares Risiko: Ob sie eines Tages invasiv werden, ist nicht voraussehbar. Ob sie die Tierwelt schwächen, weil sie als Nahrungsgrundlage nicht taugen, lässt sich spekulieren. Ob sie gar in irgendeiner Form direkt ihre Bestäuber schädigen, erschliesst sich nur durch zufällige Beobachtungen. Wer einen Garten will, in welchem die Natur dominiert, setzt deshalb in erster Linie auf heimische Wildstauden. Allerdings: Was «heimisch» eigentlich bedeutet, ist weniger klar als erhofft.

Als heimischer Krokus gekauft. Aber wirklich heimisch? © Beatrix Mühlethaler
Als heimischer Krokus gekauft. Aber wirklich heimisch? © Beatrix Mühlethaler

Der Star in meinem Garten ist zurzeit die Schachblume. Gekauft habe ich sie als Zwiebel (wie den Krokus) bei einem Naturgartenbetrieb. Doch diese Zwiebel darf auf keinen Fall aus der heimischen Natur stammen. Denn in der Schweiz ist die Pflanze stark gefährdet und somit geschützt. Das heisst: Zwiebeln ausgraben verboten. Die Schachblume ist trotzdem überall erhältlich, auch in konventionellen Gartencenter. Sie wird nämlich als Gartenblume schon lange geschätzt und in Grossgärtnereien vermehrt. Wo in der Natur die wilden Exemplare am Anfang ihrer Gartenkarriere entnommen wurden, ist kaum mehr nachvollziehbar.

Die Schachblume ist in der Natur selten, aber im Gartenhandel erhältlich. © Beatrix Mühlethaler
Die Schachblume ist in der Natur selten, aber im Gartenhandel erhältlich. © Beatrix Mühlethaler

Eine zweite Einschränkung bezüglich heimischen Wurzeln kommt dazu: Im Zürcher Oberland, an dessen Rand mein Garten liegt, gab es vielleicht nie Schachblumen. Jedenfalls weist sie die Flora Helvetica heute nur für ein Gebiet im Jura an der Grenze zu Frankreich aus. Da diese Zwiebeln aus dem Gartenhandel aber sicher nie eine Invasion veranstalten, geniesse ich sie vorbehaltlos als Bereicherung meines Umfelds.

Traubenhyazinthe: Eine Zierde des Gartens, die sich gerne ausbreitet. © Beatrix Mühlethaler
Traubenhyazinthe: Eine Zierde des Gartens, die sich gerne ausbreitet. © Beatrix Mühlethaler

Längst nicht alle Zwiebelpflanzen, die wir als einheimisch empfinden, kommen ursprünglich aus hiesigen Breiten. Zwar leben sie schon lange in unseren nördlichen Gefilden, aber eigentlich waren sie mal nur südlich der Alpen zuhause, so das Schneeglöcklein, der zweiblättrige Blaustern und die gemeine Traubenhyazinthe. Ich möchte diese ersten Blüher im Garten nicht missen, genauso wenig wie die Kornelkirsche, die ostmediterraner Herkunft ist. Sie sind nicht nur vertraute Boten des Frühlings, sondern erweitern die Chancen für Bienen, in der frühen Saison Nektar und Pollen zu finden.

Bienen lieben die Traubenhyazinthe. © Beatrix Mühlethaler
Bienen lieben die Traubenhyazinthe. © Beatrix Mühlethaler

Nicht nur Zwiebelpflanzen sind aus dem Süden zu uns gelangt, sondern auch viele Pionierpflanzen, die gerne neue Gebiete erobern. Sie kamen als Begleiter mit der Bestellung von Feldern, Wein- und Obstkulturen sowie Gärten zu uns oder reisten als blinde Passagiere in einem Transportmittel mit, so zum Beispiel die Ackerbeikräuter Mohn und Kornrade oder die Ruderalpflanze Natternkopf. Die meisten der Einwanderer haben sich gut eingefügt und sind inzwischen als wertvolle Nahrungslieferanten durch die heimische Fauna in Beschlag genommen worden. Oder die tierischen Bewohner haben ihr Wirkungsfeld entsprechend ihrer Nahrungsgrundlage nach Norden ausgeweitet.

Am Natternkopf findet das Taubenschwänzchen gefahrlos Nahrung. © Beatrix Mühlethaler
Am Natternkopf findet das Taubenschwänzchen gefahrlos Nahrung. © Beatrix Mühlethaler

Der Begriff «heimisch» ist also unscharf. Für die Praxis des Gärtnerns ist er trotzdem brauchbar, allenfalls folgendermassen präzisiert: «standortheimisch». So plädiere ich weiterhin dafür, den Garten vorzugsweise mit diesen hierzulande gut integrierten Pflanzen zu gestalten. Sie dienen spür- und sichtbar der heimischen Fauna. In einem Garten mit der dadurch ermöglichten Fülle fühle ich mich als Mensch richtig wohl.

Eine Vielzahl verschiedener Stauden bietet eine gute Basis für vielerlei Tierarten. © Beatrix Mühlethaler
Eine Vielzahl verschiedener Stauden bietet eine gute Basis für vielerlei Tierarten. © Beatrix Mühlethaler

Bei der Auswahl verlasse ich mich auf die Pflanzenliste einer gewissenhaften Fachfrau, die in ihrer Gärtnerei wild wachsende Pflanzen zieht und vermehrt. Oben erwähnte unproblematische Einwanderer gehören zu diesem heimischen Sortiment, nicht aber invasive Neophyten. Persönlich filtere ich alle alpinen und eindeutig südlichen Arten aus, da sie nicht in meinen «collinen» Garten auf der Alpennordseite passen. Auch für ausgesprochene Trockenwiesentypen habe ich nur wenige geeignete Standorte. Trotzdem ist die Fülle an Stauden, die zu dem eher kalkhaltigen Standort passen, riesengross. Einige wenige, die ich als problemlos kultivierbar erlebt habe, stelle ich hier vor. Allerdings ist das keine Garantie für das Gedeihen in anderen Gärten, denn jeder hat seinen eigenen Charakter, und auch die Schnecken haben nicht überall die gleichen Vorlieben!

Die ähnlichen Arten Wiesen- und Wald-Storchschnabel ziehen Bienen stark an, hier eine Maskenbiene. © Beatrix Mühlethaler
Die ähnlichen Arten Wiesen- und Wald-Storchschnabel ziehen Bienen stark an, hier eine Maskenbiene. © Beatrix Mühlethaler

Der konventionelle Gartenhandel bietet ein grosses Sortiment von Storchenschnabelsorten für sonnige und halbschattige Standorte an. Doch die Natur hält ein genauso breites Spektrum an wilden Storchschnabelarten bereit. Meist gedeihen sie sehr gut und werden fleissig von Bienen und anderen Bestäubern besucht – sei es der Wiesen-, der Wald-, der Sumpf- oder der Blutstorchschnabel. Während der Name bei den ersten drei genannten Arten sagt, wo sie hingehören, toleriert der Blutstorchschnabel vielerlei Verhältnisse. Sehr genügsam und für schattige und schwierige Orte geeignet ist der knotige Storchschnabel. Weitere Arten aus dieser Gattung wachsen von selbst, was ihnen die Bezeichnung Unkraut einbringt. Diese stellen aber wundervoll blühende Lückenbüsser zwischen anspruchsvolleren Gewächsen dar und sind mir deshalb ebenfalls willkommen.

Eine Faltenwespe besucht den Blutstorchschnabel. © Beatrix Mühlethaler
Eine Faltenwespe besucht den Blutstorchschnabel. © Beatrix Mühlethaler

Eine prächtige Staude für sonnige bis halbschattige Standorte ist die mehrjährige Schwarze Königskerze. Auch sie kommt mit verschiedenen Böden und Belichtungssituationen gut zurecht.

Die Schwarze Königskerze wirkt solitär oder im Verbund. © Beatrix Mühlethaler
Die Schwarze Königskerze wirkt solitär oder im Verbund. © Beatrix Mühlethaler

Eine hübsche Staude, die sich gut versamt, jedoch nicht unangenehm wuchert, ist das Aufrechte Fingerkraut. Das Gelb kombiniert sich wunderschön mit dem Blau des Natternkopfes, dem Rosa der Malve und dem Weiss der Lichtnelke.

Aufrechtes Fingerkraut © Beatrix Mühlethaler
Aufrechtes Fingerkraut © Beatrix Mühlethaler

 

Malve © Beatrix Mühlethaler
Malve © Beatrix Mühlethaler

Im Halbschatten, an trockenen Stellen, gedeiht das Immenblatt. Bei mir dauerte es einige Jahre, bis sich die Staude zu vermehren begann, aber jetzt sucht sie sich passende neue Plätzchen, und ich lasse sie gerne gewähren.

Immenblatt © Beatrix Mühlethaler
Immenblatt © Beatrix Mühlethaler

Eine sehr dekorative Staude, die recht lange blüht, ist der Grossblütige (gelbe) Fingerhut. Er wächst gerne an der Sonne, akzeptiert aber auch einen halbschattigen Standort. Die Natur stellt uns auch eine Auswahl an Bodenbedeckern zur Verfügung. Das Pfennigkraut beispielsweise wächst einfach um die grösseren Stauden herum und ist damit sowohl dekorativ als auch pflegeleicht.

Pfennigkraut © Beatrix Mühlethaler
Pfennigkraut © Beatrix Mühlethaler

Unter den Glockenblumen habe ich neben der pfirsichblättrigen nur die nesselblättrige als pflegeleicht erlebt. Sie versamt gut und wählt sich ihren Standort selbst, meist an halbschattigen, aber eher trockenen Orten, beispielsweise am Rand von Kieswegen. Andere Glockenblumenarten gefielen den Schnecken zu sehr und verschwanden bald wieder.

Die pfirsichblättrige Glockenblume hat sich auch in konventionellen Gärten etabliert. © Beatrix Mühlethaler
Die pfirsichblättrige Glockenblume hat sich auch in konventionellen Gärten etabliert. © Beatrix Mühlethaler

Wer einen Teich im Garten hat, kann sich vom satten Gelb der Sumpfdotterblume beglücken lassen. Im Sommer trumpft der Blutweiderich mit seinen leuchtend rosa Blüten auf. Libellen nutzen seine harten Stängel vom Vorjahr gerne als Sitzwarten. Allerdings kann es sein, dass man die verblühten Triebe lieber abschneidet, bevor sich Samen ausbilden. Denn die Pflanze kann sich stark vermehren.

Blutweiderich © Beatrix Mühlethaler
Blutweiderich © Beatrix Mühlethaler

Wer solche Pflanzen im Garten hat, kann sich nicht nur an ihren Formen und Farben freuen, sondern auch an den unzähligen tierischen Gästen, die sie beherbergen. Weitere Pflanzenempfehlungen finden sich in früheren Beiträgen: Hotspot vom Juni 17, März 16, August 15 und April 14.

Das Fingerkraut bekommt viel Besuch, hier von einer Schwebfliege. © Beatrix Mühlethaler
Das Fingerkraut bekommt viel Besuch, hier von einer Schwebfliege. © Beatrix Mühlethaler

 

5 Kommentare

  • Ernst Leuenberger

    ,,,der Natternkopf ist leider , als Pollenlieferant , in grossen Mengen giftig. Da ist es für die Honigbienen gefährlich – d.h. für die Honigproduktion

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  • Isabelle

    Ja, die standortheimischen Stauden bieten eine Fülle an Formen, Farben und Grössen. Und sie sehen nicht nur schön aus, sie sind auch wichtige Futterpflanzen für Insekten und Vögel. Heutzutage zählt jeder Quadratmeter, der giftfrei ist sowie Futter und Lebensraum bietet. Standortheimische Stauden sind ein Gewinn für Mensch und Tier im Garten.
    Viel Vergnügen beim Gärtnern!

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  • Christine

    Wenn man sich von einer Pflanze trennen will, die man bis anhin nicht wirklich in Frage gestellt hat, weil man es nicht besser wusste – wie z.B. das mit der Forsythie – gibts vielleicht auch gleich eine gute Idee, wie man das Entfernte verwenden könnte?Dieses Beispiel zeigt das so schön, was möglich wäre:
    https://www.isabelleblum.ch/2018/04/19/forsythie-was-nun/
    Viel Vergnügen beim Schauen!
    Christine

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    • Isabelle

      Liebe Christine,
      Herzlichen Dank für den Link zu meinem Beitrag. Der betreffende Zaunabschnitt ist wirklich ein Hingucker geworden.
      Wünsche dir einen schönen Frühling!


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