Auch im Jahr 2016 wirbt der Aufkleber noch für ein Nein zur Avanti-Initiative - und ist wieder topaktuell.
Auch im Jahr 2016 wirbt der Aufkleber noch für ein Nein zur Avanti-Initiative - und ist wieder topaktuell.

Gotthard: Es braucht ein klares Nein

  • Benjamin Kämpfen
  • -

Wiederholt hat das Schweizer Stimmvolk klar gemacht, dass es keine zweite Röhre für den Strassenverkehr am Gotthard will. Trotzdem wird nun am 28. Februar über genau das abgestimmt. Der Umwelt und der Schweiz zuliebe braucht es ein klares Nein.

Jedes Mal, wenn ich das Haus durch den Hinterausgang verlasse, begegnet mir dieser Aufkleber. Trotz Schmutz schreit er zweisprachig «NO!» und «NIE» – Tag für Tag, seit über zehn Jahren und der Avanti-Initative. Die Initiative für eine zweite Gotthard-Röhre wurde damals gebodigt, die Website www.avanti-nein.ch ist inaktiv und der Aufkleber eigentlich ein Fall für den Müll. Eigentlich.

Doch jetzt ist das Thema plötzlich wieder topaktuell. Obwohl seit 1994, als das Stimmvolk den Alpenschutzartikel in die Verfassung schrieb, eine Kapazitätserhöhung verboten ist. So wird jetzt vor allem mit der Sanierung der bestehenden Tunnelröhre und der besseren Sicherheit von zwei Röhren argumentiert. Zu offensichtlich ist aber, dass die Sanierung ein Vorwand ist – sind vier Spuren mal gebaut, werden auch vier genutzt werden. Wer mag sich 2030 – wenn die zweite Röhre gebaut ist – noch an die Versprechen aus dem Jahr 2016 erinnern? Sicher nicht die Politiker und Bundesräte, die jetzt hoch und heilig versprechen, dass nur zwei Spuren genutzt werden. Die genau gleichen Politiker waren nämlich 2004 bei der Avanti-Abstimmung noch ganz offen für vier Spuren…

Copyright: Verein «Nein zur 2. Gotthardröhre»
Copyright: Verein «Nein zur 2. Gotthardröhre»

Weitere Argumente für eine zweite Röhre kommen auf: Wie soll das Tessin während der Sanierung erreichbar bleiben? Die Lösung: Ein Autoverlad während der Sanierung. So wie beispielsweise das Oberwallis mit dem Lötschberg eine Verladelösung hat, die bestens funktioniert. Bis vor einiger Zeit war auch der Bundesrat dafür. Ein Verlad sei «technisch machbar, leistungsfähig und attraktiv».

Aus der Sicht der Umwelt ist klar: Eine zweite Röhre bringt über kurz oder lang vier Spuren und damit auch mehr Lastwagen, mehr Lärm, mehr Schadstoffe und mehr Feinstaub. Die Bevölkerung in den Kantonen Uri und Tessin wird am meisten belastet werden. Aber auch im Rest der Schweiz werden die Auswirkungen spürbar sein. Deshalb empfehlen alle wichtigen Natur- und Umweltschutzorganisationen, ein Nein einzulegen.

Klar, die zunehmende Mobilität verursacht Probleme. Allerdings kaum am Gotthard, sondern in den Agglomerationen. Dort wären Investitionen in nachhaltige Mobilitätssysteme sinnvoll. Das Geld für die zweite Röhre könnte so viel wirkungsvoller eingesetzt werden. Ganz frech behauptet das Departement von Bundesrätin Leuthard auf seiner Website:

Andere Projekte zur Beseitigung von Engpässen, wie etwa in Crissier (VD), würden vom Bau eines zweiten Gotthard-Tunnels nicht tangiert.

Wer so etwas wohl glaubt? Oder vielleicht ist die Frage nur, welche anderen Projekte dann bluten müssen? Ein Franken bleibt ein Franken und kann bekanntlich nur einmal ausgegeben werden.

Am 28. Februar stimmen wir nicht, wie die Abstimmungsfrage suggeriert, über die Sanierung des Gotthardtunnels ab. Nein, es geht darum, ob die Schweiz von der bewährten Verlagerungspolitik abweichen soll. Es geht darum, wo Geld für die Beseitigung von Mobilitätsengpässen eingesetzt werden soll. Und darum, ob uns der Lebensraum Alpen in seiner heutigen Qualität erhalten bleibt. Mit einem klaren Nein kann die seit 1994 bewährte Verkehrspolitik fortgesetzt werden!

Beitrag kommentieren