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Erneuerbare Energien oder Natur fördern?

  • Judith Schärer
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Die Diskussion um die Handhabung unserer Energie-Ressourcen ist in vollem Gange. Von vielen Seiten wird eine Fokussierung auf erneuerbare Energien gefordert. Doch oft scheiden sich dort die Geister: Ist eine saubere Energieproduktion vor Anliegen des Landschafts- und Naturschutzes zu stellen?

„Die Nutzung erneuerbarer Energien und ihr Ausbau sind von nationalem Interesse“ lautet der erste Absatz von Artikel 14 im Energiegesetz des Bundes. Doch, was genau bedeutet „nationales Interesse“? Kann man dieses überhaupt als eine Gesamtmeinung zusammenfassen?

Im Zuge der Energiestrategie wird für eine vermehrte Nutzung von erneuerbaren Energien plädiert. Dies bedeutet einen Ausbau von Solar-, Wind- und/oder Wasserkraft. Oftmals stehen solche Kraftwerke allerdings in einem Interessenkonflikt mit den Zielen von Landschafts- und Naturschutz. Die Erholungsfunktion der betroffenen Gebiete gehe massiv zurück und ob gesundheitliche Konsequenzen entstünden, wisse man bis heute nicht abschliessend. Flora und Fauna sowie das Landschaftsbild würden gestört, meinen die Gegner solcher Anlagen.

Ein oft auftretendes Problem sind die Auswirkungen von Windkraftwerken auf verschiedene Vogelarten. Laut dem Schweizerischen Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz und der Vogelwarte Sempach ist klar dokumentiert, dass insbesondere grosse Arten wie Störche und Greifvögel mit den schnell drehenden Rotoren der Windräder kollidieren. Zugvögel sind gefährdet, wenn sie Alpenpässe und Jurahöhen überqueren, auf denen Windenergieanlagen stehen. Auch für Brutvögel können Windräder problematisch sein: Einerseits indem sie den Lebensraum gefährdeter Arten wie der Heidelerche entwerten. Anderseits indem die zu einer Windenergieanlage gehörende Erschliessung mit Zufahrtsstrassen und Freileitungen bislang unberührte Gebiete beeinträchtigen und zu Störungen für sensible Vogelarten führen, darunter beispielsweise das stark gefährdete Auerhuhn.

Der SVS und die Vogelwarte betonen aber auch, dass es durchaus Orte gibt, an denen Windanlagen aus Sicht des Schutzes der Vögel möglich sind. Dies setzt aber in jedem Fall eine sorgfältige Standortabklärung voraus. Die Probleme könnten zum Beispiel vermindert werden, indem man in unserem Land Windenergieanlagen in einigen wenigen Windparks bündelt und diese nur dort baut, wo der Konflikt am kleinsten ist. Dazu soll auf Schutzgebiete und Vogelzugrouten geachtet werden. Zudem soll im Fokus stehen, dass keine bisher unbelasteten Gebiete neu verbaut werden. Auch bei Solaranlagen ist dies eine hilfreiche Rahmengebung: Entsprechende Infrastrukturen sollen auf bereits bestehenden Gebäuden und anderen Einrichtungen, anstatt wahllos auf offenen Wiesen oder sonstigen freien Flächen installiert werden. Mittlerweile gibt es hierzu viele spannende und innovative Möglichkeiten, wie zum Beispiel das Installieren von Solaranlagen auf Lärmschutzwänden (lesen Sie dazu den detaillierten Artikel hier >>).

Im Oktober 2014 wurden an der Forchautostrasse in Zumikon auf 300 Metern Lärmschutzwand eine Photovoltaikanlage installiert. Der produzierte Strom kann den Jahresbedarf von 22 Haushalten abdecken. | © Tiefbauamt Baudirektion Kanton Zürich
Im Oktober 2014 wurden an der Forchautostrasse in Zumikon auf 300 Metern Lärmschutzwand eine Photovoltaikanlage installiert. Der produzierte Strom kann den Jahresbedarf von 22 Haushalten abdecken. | © Tiefbauamt Baudirektion Kanton Zürich

Zusätzlich fliesst zur Frage des Nutzens und der Effizienz auch der Aspekt der Ästhetik in die Diskussion ein. Stört eine grosse Windturbine oder Solaranlage das Landschaftsbild aus rein ästhetischer Sicht? Wird der Erholungswert der Natur dadurch gemindert? Hier ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Konstruktion zur Windenergiegewinnung, die eine Höhe von bis zu 180 Metern annehmen kann, ein enormer Eingriff in das Landschaftsbild darstellt und ganz klar auch den Erholungswert mindert. Dass dies auch negative Auswirkungen auf den Erfolg des Tourismus haben kann, ist unbestritten.

Das Fazit, das sich aus der Diskussion ziehen lässt, lautet, dass ein „nationales Interesse“ nicht einfach in einem einzelnen Entscheid festgehalten werden kann. Es braucht eine differenzierte Sicht auf die Umstände und jeder Fall muss in sich betrachtet und eingeschätzt werden. Durch sinnvolles Abwägen kann entschieden werden, ob eine Errichtung oder ein Ausbau einer Anlage für erneuerbare Energien wirklich sinnvoll und angebracht ist. Wo die Interessen von Gesellschaft, Tierwelt, Natur und Landschaft überwiegen, muss gegen eine Möglichkeit zur Energieproduktion entschieden werden. Dies bedeutet vor allem, dass in den national geschützten Gebieten weiterhin der Schutz der Natur Vorrang haben muss. Ein Ausstieg aus der Atomkraft darf keinen Ausstieg aus dem Landschafts- und Naturschutz zur Folge haben!

 

2 Kommentare

  • Erhard Schöni

    Ich bin 84 Jahre alt und könnte viel erzählen über den bängstigenden Umweltwandel seit meiner Jugend- Z.b.ein schönes Biotop ohne menschliches zutun neben Bahngeleisen mit Fröschen,Molchen etc.und Elritzen in einem kleinen Bach.Alles Verschwunden! wie so vieles andere auch Ich habe später Beruflich mit Wasserkraftwerken gearbeitet.Erlebte trotz Fischtreppen grossen Rückgang bei Fischen. Für mich sind deshalbKleinkraftwerke ein unglaubliches Vergehen an den Resten Natur. Sind deren Initianten Naturschützer?Nein das genaue Gegenteil.Würde gerne mit aufgeschlossenen Menschen in aller Freundschaft diskutieren
    Mit freundlichen Grüssen E.Schöni

    Antworten
    • Conny Stettler

      Lieber Erhard Schöni

      unsere Flüsse sind stark verbaut, es fehlt der passende Lebensraum für die Fische. Dünger, Pestizide, Medikamentenrückstände und eingeschleppte Krankheiten kommen dazu.

      Der Druck auf die Gewässer kommt nicht nur von den Kraftwerken. Die Verbauung der Gewässer ist erfolgt für die Landwirtschaft, Hochwasserschutz, Städte, Dörfer, etc.

      Kann es sein, dass der Einfluss der Kraftwerke überschätzt wird? Wieviele Fischarten neben dem Lachs sind abhängig vom Aufstieg und vor allem wegen der Kraftwerke bedroht? Sind die meisten Fischtreppen nicht erst jetzt geplant und noch gar nicht realisiert?

      Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem Strom, den ich heute erhalte nicht den viel grösseren Schaden anrichte. Strom sparen gehört sich aber so oder so.

      Die Rückkehr des Lachs möchte ich unbedingt noch erleben.

      Gruss

      Conny Stettler


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