Goldruten-Monokultur so weit das Auge reicht (Neusiedlersee, Österreich).
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Doch, lieber Tagi, invasive Arten sind ein Problem!

  • Benjamin Kämpfen
  • 7

„Keine Panik!“ heisst es im Tages-Anzeiger zum Thema invasive Arten. Dabei werden wesentliche Aspekte unterschlagen und das vorhandene Wissen schlichtwegs ignoriert.

Die Wissensseite im Tages-Anzeiger am letzten Samstag war einem aufkommenden Thema gewidmet, nämlich den invasiven Arten. Im fast ganzseitigen Artikel (hier zu lesen) schreibt Bernd Brunner über das Buch des britischen Biologen Ken Thompson (Where Do Camels Belong) und nimmt dessen Argumentation auf. So wird im Artikel für „mehr Gelassenheit“ plädiert und gefragt, ob man „Einwanderer nicht auch einmal gewähren lassen kann und beobachten, wie sie sich in der neuen Umgebung behaupten?“.

Die Argumente im Artikel sind dünn und wenig fundiert. Da wird von Untersuchungen berichtet, dass dort wo das invasive Springkraut sich ausbreitet, die Artenvielfalt tatsächlich niedriger sei. So weit wenig erstaunlich. Allerdings würden sowieso vor allem Arten verdrängt, die weit verbreitet seien. Und die absurde Logik geht munter weiter: Wenn das Springkraut bekämpft werde, würden sich sowieso wahrscheinlich nur andere invasive Arten ausbreiten…

Im ganzen Artikel wird die „reflexartige, pauschale Verdammung von Tieren und Pflanzen, die sich neue Lebensräume erobern“ gegeisselt. Nur kurz wird erwähnt, dass es auch andere Meinungen wie die von Thompson gibt und dass die meisten Fachleute invasive Arten als eine bedeutende Bedrohung für die Biodiversität wahrnehmen. So bezeichnet etwa die Weltnaturschutzorganisation invasive Arten als den zweitwichtigsten Grund für den globalen Artenverlust (nach dem Lebensraumverlust). Aber im Artikel wird grundsätzlich nicht unterschieden zwischen invasiven Arten (die sich gemäss Definition unkontrolliert ausbreiten) und all den „Einwanderern“, die kaum jemanden stören, weil sie sich eben nicht unkontrolliert ausbreiten und keine anderen Arten verdrängen. So werden munter Kühe, Hunde und der „allgegenwärtige Weizen“ als Beispiel für „gute“ Einwanderer genannt. Dabei wird vergessen, dass diese Arten eben genau keine „invasiven“ Arten darstellen, da sie nur dank dem Zutun und der Pflege der Menschen überleben können.

Im gesamten Artikel wird auch kein Wort über die bekannten negativen Folgen der Einwanderung invasiver Arten verloren, die weit über die ökologischen Probleme hinausgehen. Man mag nur kurz an die durch Ambrosia ausgelösten Allergien, die durch das Erdmandelgras verursachten Probleme in der Landwirtschaft oder die durch den Japanknöterich destabilisierten Hänge denken.

Leider verpassen es sowohl der Autor als auch der Tages-Anzeiger die überwiegende Mehrheit an Ökologen und Biologen zu Wort kommen zu lassen, die invasive Arten sehr wohl als eine Bedrohung für die Biodiversität sehen. Nur in einem ganz kurzen Kasten wird geschrieben, dass auch das Bundesamt für Umwelt eindringlich vor invasiven Pflanzen warnt. So wird eine wissenschaftlich nicht abgestützte Minderheitsmeinung in weite Bevölkerungskreise transportiert. Bleibt zu hoffen, dass der Tagi dies nicht zur Normalität werden lässt und als nächstes in einem grossen Artikel die Klimaskeptiker zu Wort kommen lässt…

Anmerkung: Der Autor hat das Buch nicht gelesen und hat es auch nicht vor, da er dafür kein Geld ausgeben möchte.

7 Kommentare

  • Bernd Brunner

    Die bekannte Kritik an Invasionen ist weiter gültig und berechtigt, es ging darum, einmal eine andere Meinung – sicher provokativ zugespitzt – vorzustellen. Im englischsprachigen Raum gibt es da viel weniger Tabus in der Diskussion. Hier kommt schon die nächste, ähnlich gelagerte Buchveröffentlichtung: http://www.amazon.com/New-Wild-Invasive-Species-Salvation/dp/0807033685/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1431337572&sr=1-3&keywords=invasive+species
    Beste Grüße, Bernd Brunner

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  • Elli Helfer

    Hunde sind keine Einwanderer. Nach neuesten Forschungen (publiziert u.a. in „Science“ oder „Nature“) entstand der heutige Haushund vor der Landwirtschaft bei Jägern und Sammlern. Und zwar vor 19’000 bis 32’000 Jahren in Europa.

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  • Heiri Schiess

    und da war kurz nachher noch der Leserbrief, in dem jemand die „Hysterie der Artenschützer“ geisselt und „eine nordamerikanische Nadelbaumart“ propagiert (offenbar die Douglasie gemeint), weil sie sich an der oberen Baumgrenze so schön vital verjünge und gut wachse – bester Lawinenschutz, wie der Schreiber meinte, und diese Baumart sei ohnehin vor der letzten Eiszeit auch in den Alpen vorgekommen…

    Es wäre schon gut, wenn wir auch einmal eine konzertierte Öffentlichkeitsarbeit machen würden, z.B. in Kooperation mit der Fachstelle Naturschutz. Es gibt so viele vernünftige Argumente dafür, dass die Regulierung der invasiven Neophyten Sinn macht. Und vernünftige Leute verstehen es in der Regel, wenn man es ihnen sachlich erklärt. Ist im Tagi eine Erwiderung platziert worden? habe nichts bemerkt.

    Das Killerargument mit dem Menschen als „schlimmste invasive Art“ ist dagegen möglicherweise nicht so einfach zu widerlegen. Wo sie recht haben, haben sie recht. Aber das macht nicht automatisch alles andere richtig, was sie sagen.

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  • Nathalie Bahala

    nicht zu vergessen, dass der Mensch die schlimmste invasive Art ist auf dieser Erde (wie auch am Ende des Artikels erwähnt), da sind vielleicht diese Diskussionen über invasive Pflanzen wieder etwas von „oben“ herab im Sinne von „wir wissen was der Natur gut tut und was nicht“. Dies kein Widerspruch, dass invasive Pflanzen kritisch betrachtet werden müssen.

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  • Nadja Weisshaupt

    Wieso nicht einen „Gegenartikel“ im Tagi anregen (z.B. genau diesen Beitrag hier) oder einen Leserbrief an den Tagi schreiben?

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  • Martin Hertach

    Dazu passt folgende Lektüre:
    Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens
    von Naomi Oreskes

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    • Benjamin Kämpfen

      Danke für den Tipp, Martin! Das kaufe ich mir!


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