Die Roten Listen wachsen - besonders lang sind sie jetzt schon bei den Reptilien (Äskulapnatter).
Die Roten Listen wachsen - besonders lang sind sie jetzt schon bei den Reptilien (Äskulapnatter).

Die Politik lässt die Roten Listen wachsen

  • Beatrix Mühlethaler
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Die Roten Listen der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten werden immer länger. Aber der Aktionsplan für die Förderung der Biodiversität lässt auf sich warten. Für die vielen Naturschutz-Fachleute, die mitgewirkt haben, ist das äusserst frustrierend.

2014 hätte der Aktionsplan zur Biodiversitäts-Strategie gemäss Zeitplan des Bundesrats vorliegen müssen. Erst dieses Jahr wird es – hoffentlich – soweit sein. Allerdings ist dieser Zeitverzug noch harmlos, vergleicht man ihn mit der Vorlaufzeit des Aktionsplans: Es dauerte zwei Jahrzehnte, bis der Bund anerkannte, dass die bisherigen bescheidenen Anstrengungen nicht genügen, um dem Schwund von Lebensräumen, Tieren und Pflanzen entgegen zu wirken.

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Es ist jetzt 25 Jahre her, dass die Weltgemeinschaft sich vornahm, die Vielfalt der Arten, der Lebensräume und des genetischen Schatzes zu fördern und zu schützen und die natürlichen Ressourcen achtsam zu nutzen. Das war am Nachhaltigkeitsgipfel von 1992 in Rio de Janeiro. Auch die Schweiz unterschrieb die Verpflichtung. Unter anderem sollten die beteiligten Staaten eine Strategie ausarbeiten, wie sie die biologische Vielfalt fördern und auf nachhaltige Weise nutzen wollen. Dabei ging es auch darum, diese Zielsetzung in alle Tätigkeitsfelder der Politik zu integrieren. Doch der Bundesrat opferte diese Strategie seiner Sparpolitik.

Erst 2008 gelang es der parlamentarischen Gruppe „Biodiversität und Artenschutz“, eine nationale Strategie einzufordern. 2012 lag sie vor, hatte aber den Charakter einer Charta. Deshalb soll ein Aktionsplan aufzeigen, was konkret zu tun ist. Die einzige Konsequenz, die der Bundesrat im Lauf des Erarbeitungsprozesses zog, war eine Erhöhung der Finanzmittel für die Pflege und Aufwertung von Schutzgebieten ab diesem Jahr. Er reagierte damit auf die vernichtende Bilanz zum Zustand der Schutzgebiete von nationaler Bedeutung, der sich im Sanierungsbedarf äussert: 20 Prozent der Trockenwiesen. 25 Prozent der Amphibienlaichgebiete, 30 Prozent der Auen, 30 Prozent der Flachmoore und gar 80 Prozent der Hochmoore sind sanierungsbedürftig. Die gesprochenen Millionen sind aber bei weitem nicht so viel, wie das BAFU vor einigen Jahren als Bedarf publizierte. Allein für die Aufwertungen müssten demnach 1,2 Milliarden Franken investiert werden.

Gegen Interessen ist die Natur chancenlos

Wenn heute ein Drittel aller Arten gefährdet ist und etliche Arten bereits verloren gingen, so liegt das am schweren Stand des Naturschutzes beim Gerangel um den knappen Boden. Vorrang haben Strassen und andere Infrastrukturen, Siedlungen und Industrieareale, landwirtschaftliche Nutzung und die Erzeugung von Strom. Der Kriechgang setzte bereits im 19. Jahrhundert ein und verstärkte sich teils im zweiten Weltkrieg (Anbauschlacht), insbesondere aber ab den 1950er Jahren.

So grub unsere Gesellschaft den ausgedehnten Moorgebieten das Wasser ab, um sie zu beackern oder zu überbauen. Erst das Ja zur Rothenthurm-Initiative brachte die Wende: An den Flächen der Feuchtgebiete durfte nicht weiter genagt werden. Was allerdings weiter schwand, war ihr Moorcharakter. Denn es floss viel zu wenig Herzblut und Geld für ihren Schutz: Gräben entziehen den Mooren weiterhin Wasser, weil die Vollzugsbehörden sie nicht zuschütten liessen. Dünger aus der Umgebung fördert das Zuwachsen mit Gebüsch, weil die Pufferzonen zu gering sind. Zudem fällt Dünger aus der Luft an, die zu viel Stickstoff aus Landwirtschaft und Verkehr enthält.

Ebenso ging es den Bächen und Flüssen ans Lebendige. Die Wiesenbächlein und Dorfgewässer wurden eingedolt, um die landwirtschaftliche Nutzung zu erleichtern und freien Platz für Strassen und Häuser zu gewinnen. Die Bergbäche fasste man für die Stromgewinnung in Röhren und leitete ihr Wasser zu den Turbinen. Wo die Mäander und weiten Kiesflächen von Flüssen und Bächen menschlichem Nutzen entgegenstanden und mit gelegentlichen Hochwassern Abstand geboten, da disziplinierte man sie mit einem Betonkorsett und zwang sie in eine gerade Linie. Schliesslich verwandelten Kraftwerkbauten die Flüsse in eine Serie von Staustrecken mit Schwimmhindernissen für wandernde Fische.

Zwar kämpfen Menschen, die der Niedergang der Natur schmerzt, hartnäckig für gute Gesetze und ihre Umsetzung. Sie haben einiges erreicht, aber meist über zermürbend lange Zeiträume. Zudem folgt einem Erfolg regelmässig die Ernüchterung, wie hartnäckig sich Interessenvertreter gegen die Umsetzung stemmen.

Eine Chronik dieses zähen Ringens um Moore und Gewässer lässt sich lesen auf Infosperber: http://www.infosperber.ch/Artikel/Umwelt/Strategie-und-Aktionsplan-Biodiversitat

2 Kommentare

  • Lomatter

    Juli 2017/ Saas-Fee
    Für eine neue Skipiste wird ein Teil des Gletschers wegamputiert. Das ist doch eine Katastrophe ! Gerade jetzt wo die Gletscherschmelze so schnell geht. Was da in Saas Fee abläuft ist kriminel.

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  • Michael Brandenberger

    Es zeigt sich hier exemplarisch, dass Herr Christian Felber mit seiner Gemeinwohl Initiative Recht hat wenn er behauptet, dass das heutige Nachhaltigkeitsmodell mit dem Dreigestirn Soziales, Oekologie und Oekonomie nur eine schlaue Augenwischerei des Kapitals ist.

    In Wirklichkeit werde Nachhaltigkeit komplett erreicht, wenn man die 2 Ziele Soziale Gerechtigkeit und Oekologie verfolgt und eine gutgehende Oekonomie als Werkzeug betrachtet, um diese Ziele zu erreichen.

    Aber natürlich gelte umgekehrt auch, dass die Oekonomie nur gutgehen kann, wenn sie auf einer funktionierenden Oekologie und einem gerechten Sozialwesen gründet.

    Und dies ist, was unsere liebe Politik nicht kapiert.

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