Bild: © uschi dreiucker / pixelio.de
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Werden und Vergehen

  • Der Oekolog
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Letzthin habe ich viele Minuten lang eine Bisamratte beim Fressen beobachtet. Der Anblick des überaus geschäftigen Tiers rührte mich – bis der Kollege kam und sagte, die Bisamratten gehörten alle abgeschossen, weil sie Neozoen seien, also eingeführte Exoten. Auch der Anblick eines jungen Hühnchens bewegt mich zutiefst. Gleichzeitig esse ich Poulet, wie Milliarden Menschen auch. Das bringt mich auf eine Frage, die mich schon lange umtreibt. Wie schafft es der Mensch, das gleiche Tier so oder so einzuordnen – wie kann er so rasch den Blickwinkel ändern und das Mitleid an- oder ausschalten? Warum rührt uns ein einzelnes Hühnchen, während uns die Milliarden Hühnchen in den Ställen nicht interessieren? Der Widerspruch ist rasch erklärt. Sobald wir zu einem Lebewesen eine Beziehung entwickeln, beginnen wir Mitleid zu haben. Fehlt die Beziehung, lässt uns sein Schicksal kalt. Spannender ist daher vielleicht die Beobachtung, dass ein ähnlicher Widerspruch auch in der Natur angelegt ist – allerdings noch viel dramatischer. Wer einen Schmetterlingsfühler einmal unter dem Vergrösserungsglas anschaut, wird hell begeistert sein ab der unglaublichen Schönheit und Perfektion. Gleichzeitig fliegen jedes Jahr Milliarden Schmetterlinge in den Tod – entweder lassen sie ihr Leben im Rachen eines Vogels oder in einer kalten Herbstnacht. Niemand hat ihre Schönheit je gesehen oder gewürdigt, niemand stört sich am milliardenfachen Tod. Das Werden und Vergehen ist Programm in der Natur. Damit stellen sich mir eine Reihe weiterer seltsamer Fragen: Warum bringt die Natur überhaupt Unmengen perfekter Lebewesen hervor, jedes gleich wunderbar wie das andere, wenn sie sie hernach gleich wieder in den Tod schickt? Warum kümmert sich in der Natur kein Lebewesen um das andere? Wo bleibt das Mitleid? Warum  ist der Mensch das einzige Wesen, das die Perfektion und die Schönheit in der Natur und auch das Leid überhaupt wahrnehmen kann? Oder gibt es die Schönheit sowieso nur in unseren Augen? Noch ketzerischer: Ist unser Mitleid und unser Bewusstsein von der Vergänglichkeit des Lebens vielleicht gar eine Fehlentwicklung der Evolution, die uns nur das Leben schwer macht? Niemand konnte mir bislang Antworten geben. Eines aber weiss ich: Wenn wir schon Mitleid haben, sollten wir es auch nutzen. Nicht um am Werden und Vergehen in der Natur zu zerbrechen. Aber um das Leid, das wir Menschen verursachen, zu erkennen und zu minimieren. Autsch, das klingt jetzt fast wie ein Predigt. Aber solche Gedanken macht man sich halt manchmal, wenn man einer Bisamratte beim Fressen zuschaut.

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