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Die krude Logik der Jagd

  • Der Oekolog
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Viele Naturschützerinnen und -schützer haben ein ambivalentes Verhältnis zur Jagd: Einerseits ist ihnen bewusst, dass die Jagd in der Schweiz einigermassen nachhaltig geregelt ist und es dem geschossenen Wild immerhin besser ergangen ist als vielen Nutztieren. Andererseits können sie die Motivation der Jäger nicht nachvollziehen, Tiere abzuschiessen und daran Freude zu haben. Die Jäger ihrerseits belächeln die Jagdskeptiker auch mal als „degenerierte Naturromantiker“, die negieren, dass der Jagdtrieb zum Menschsein gehört. Sie argumentieren, Wertvolles für die Natur tun, indem sie die Bestände regulieren und so den Wald schützen. Und weisen gerne darauf hin, dass die Jägerschaft viel Zeit und Geld investiert, um das Wild und die Lebensräume zu hegen und zu pflegen.

Abgesehen von der doch etwas kruden Logik, die für diese Argumentation vonnöten ist (erst hegt man die Tiere liebevoll, dann schiesst man sie ab), sei jedem selbst überlassen, wie er seine Freizeit gestaltet. Allerdings sind Fragezeichen zu setzen, ob die Jagd heute wirklich in allen Bereichen nachhaltig ist. So soll die Jagd auf Birkhähne, Schneehühner, Waldschnepfen und Feldhasen auch nach der neuen Jagdverordnung, die derzeit in der Vernehmlassung ist,  weiter möglich sein. Und dies, obwohl diese Arten auf nationaler oder gar internationaler Ebene selten geworden sind oder sogar auf der Roten Liste stehen. Nur noch 8000 Birkhuhn-„Paare“ gibt es in der Schweiz, trotzdem will sich das Bafu nicht für ein nationales Jagdverbot stark machen. Somit dürfen die Jäger weiterhin rund 800 Hähne pro Jahr abschiessen – obwohl die Voralpen weitgehend geräumt sind und in den Alpen viele Balzplätze nur noch von wenigen Tieren aufgesucht werden. Bei den Waldschnepfen ist es noch schlimmer: Die Art ist stark gefährdet, trotzdem schiessen die Jäger jährlich um die 2000 Vögel. Das seien bloss durchziehende Vögel, pflegen die Jäger und das Bafu dann zu argumentieren. Zudem würden in den anderen Ländern noch viel mehr Schnepfen geschossen (bis zu 2 Millionen pro Jahr). Doch erstens ist keineswegs bewiesen, dass sich unter den abgeschossenen Waldschnepfen nicht auch einheimische Brutvögel befinden (eine neue, wenn auch sehr kleine Studie hat genau dies gezeigt). Zweitens müsste die Schweiz doch mit gutem Beispiel vorangehen statt sich an der absurden Abknallerei zu beteiligen. Denn: Waldschnepfenjagd ist weder notwendig noch hat sie irgend einen nachvollziehbaren Zweck. Es ist ein reines Hobby einiger weniger auf Kosten des Artenschutzes. Das Bafu (Bundesamt für Umwelt) schützt aber leider lieber die Vogeljäger als die Umwelt.

Nachhaltiger gestaltet ist sicherlich die Jagd auf Säugetiere. Allerdings stellen sich auch hier Fragen:
– Warum muss man den (geschützten) Steinbock eigentlich regulieren, wenn er doch gar nicht in die Wälder geht und keine Bäume schädigt?
– Warum ist die Jagd im Wallis so geregelt, dass reiche Ausländer für viel Geld kapitale Steinböcke schiessen können, während die Walliser Bevölkerung leer ausgeht? (siehe Tages Anzeiger vom 12.9.2011)
– Warum sind viele Jäger gegen den Luchs oder den Wolf, wenn sie doch nach eigenen Aussagen vor allem auf die Jagd gehen, um die explodierenden Huftier-Bestände zu regulieren?

Es geht natürlich nicht darum, jemandem die Jagd verbieten zu wollen. Aber solange die Jagd auf seltene Arten nicht wirklich gebannt ist, und solange die Jägerschaft mit Händen und Füssen gegen Verbesserungen im Arten- und Tierschutz ankämpft, solange wird der Konflikt zwischen Jagd und Naturschutz bestehen bleiben.  Schade  – denn gemeinsam könnten Jagd und Naturschutz viele wichtige Projekte verwirklichen.

BeobachterNatur: Interview mit Reinhard Schnidrig zur aktuellen Jagdverordnungsrevision

2 Kommentare

  • Surtor

    HaHa… soviel Falschaussagen wie auf dieser Seite von dem Ökoblog habe ich selten gesehen. Auch Häller hellt die Sache nicht wirklich auf.

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  • Häller Alfred

    weitere Punkte, welche das BA gegen Umwelt und BA f. Landwirschaft mit ihrer unwissenschaftlichen Arbeit ignorieren:
    – konsequentes ignorieren wissenschaftlicher Forschungsresultate (z.B. Populationsentwicklung)
    – die erneute Ausrottung von Luchs, Wolf und Bär wird aktiv mit Steuergeldern betrieben (alle international geschützt, Wolf/Bär bisher kein Fortpflanzungsnachweis in der CH) dies unter dem Deckmantel „Regulierung“
    – Sömmerungsbeiträge für Schafe (>300.– CHF Schaf auch ohne Behirtung.., dafür zahlt der Steurzahler dann noch die Risse)
    – Verwendung von Bleischrot, welcher andere Tiere und Umwelt beeinträchtigen (z.B. Bartgeier / Steinadler welche angeschossene Tiere „entsorgen“)
    – keine obligat. Prüfung der Schiesstauglichkeit (während Armeeangehörige welche nicht auf Lebewesen schiessen dies jährlich unter Strafandrohung tun dürfen)
    – Jagdbetrieb in fast allen Naturschutzgebieten
    usw..
    – halbherizige Bekämpfung von Wilderei (bekannterweise Jäger, z.B. Bartgierabschuss im Wallis)
    ….gut gibt es noch das Bundesgericht, welches ab und zu vor solch verfassungswidriger und einseitiger Durchsetzung von Partikularinteressen nicht einknickt
    (siehe Fall Kormoran“Regulierung“ im international wichtigen Schutzgebiet Fanel.

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