© Roni Vonmoos-Schaub
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Schreibt mit – zur Erhaltung unserer alten Kulturtechniken

  • Kathrin Ruprecht
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Um das Überleben der alten landwirtschaftlichen Kulturtechniken und Brauchtümern zu sicher, wird jetzt eine Online-Enzyklopädie aufgebaut. Mitmachen kann jeder Fachkundige. Ganz einfach, nach einer Anmeldung – wie bei Wikipedia.

Noch bis Ende des 19. Jahrhundert war das Rhätische Grauvieh in den ganzen Ostalpen verbreitet. Mit der gezielten Züchtung von Hochleistungsrindern anderer Rassen geriet das optimal an die rauen Bedingungen angepasste Zweinutzungsrind fast in Vergessenheit. Heute erfreut es sich vor allem in der Bio-Landwirtschaft wieder steigender Beliebtheit. Überlebt hat es nur dank einigen Landwirten, Züchtern und Enthusiasten, die den hohen Wert der Art für den Erhalt der Genressourcen im Alpenraum erkannten. Denn die Industrialisierung der Landwirtschaft kam für die einst riesige Vielfalt von Nutztieren und –pflanzen, die bestens an die örtlichen Gegebenheiten angepasst waren, einem Kahlschlag gleich. Viele Arten wurden in kleine Nischen zurück gedrängt, manche starben aus. Auch das über Generationen oft nur mündlich überlieferte Wissen um Kulturtechniken und Brauchtum ist betroffen. Es droht mehr und mehr, ganz der Vergessenheit anheim zu fallen und damit als immaterielles Kulturerbe unwiederbringlich verloren zu gehen.

Es ist einigen um das wertvolle genetische Erbe besorgten Pionieren zu verdanken, dass beim Erhalt alter Sorten und Rassen seit den 1980er-Jahren eine Trendwende gelang. Die Erfolge sind beeindruckend. Das Schlimmste, der totale Verlust eines über viele Jahrhunderte gewachsenen Wissens um die Landwirtschaft im Alpenraum, scheint abgewendet. Doch es gibt noch sehr viel zu tun. Der Schutz von Sorten und Rassen ist kaum nachhaltig, wenn die Produktionsmethoden in Vergessenheit geraten. Daher ist es essentiell für eine nachhaltige Lebenderhaltung der Agro-Biodiversität, das traditionelle bäuerliche Wissen zu sammeln und zu erhalten. Eine der aktuell wichtigsten Aufgaben ist eine Bündelung dieses Wissens, um es auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die interessierten Fachkreise besser zu vernetzen.

Fachkundige zum Mitmachen aufgerufen

Das Projekt Fundus Agri-Cultura Alpina verfolgt dieses Ziel mit der breit angelegten Online-Enzyklopädie www.fundus-agricultura.wiki. Diese basiert auf dem Wiki-Prinzip. Das heisst: Jede fachkundige Person kann ehrenamtlich ihr Wissen einbringen. Die einzige Bedingung ist die Bereitschaft, sich einer inhaltlichen Diskussion zu stellen. Voraussetzung für eine Teilnahme ist eine Registrierung auf der Webseite für eine der vier Kategorien Pflanzen, Tiere, Kulturtechniken und Brauchtum. Es sind auch Mehrfach-Registrierungen möglich. Danach erhalten Nutzerinnen und Nutzer ein nur für sie gültiges Passwort.

Projektleiterin Waltraud Kugler von der Stiftung „SAVE – Sicherung der landwirtschaftlichen Artenvielfalt in Europa“ hat das Projekt initiiert.

„Nie war es so leicht, sein Wissen mit anderen zu teilen und zu mehren. Und gerade im Alpenraum ist noch sehr viel von dem traditionellen Wissen um alte Sorten, Rassen, um Kulturtechniken und Brauchtum vorhanden“.

Kugler setzt auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Fachleuten verschiedener staatlicher und privater Institutionen und vielen fachkundigen Laien.

„Gerade das Erfahrungswissens jener, die die traditionelle Landwirtschaft aus eigener Anschauung kennen oder weiter pflegen, wird oft unterschätzt. Dabei ist es so wertvoll wie eine Genbank für den Erhalt alter Sorten“.

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